SI-Debatte

SI-Debatte: Resilienz bei Anlagen zwingend erforderlich

Die Schließung der Straße von Hormus während des Iran-Konflikts verdeutlicht einmal mehr, dass sich die weltweite Realität inzwischen verändert hat. Anleger müssen mitziehen. Gesellschaftliche Resilienz muss jetzt bei jeder Anlagestrategie im Vordergrund stehen – und kann mit Nachhaltigkeitszielen vereinbar sein.

Autoren/Autorinnen

    Head of Investment Solutions
    Head of SI Thought Leadership and Climate & Biodiversity Strategist

Zusammenfassung

  1. Kritische Abhängigkeiten werden oft erst in schweren Zeiten sichtbar
  2. Resilienz umfasst Sicherheit von Energieversorgung, kritischen Ressourcen und Klima
  3. Doppelte Wesentlichkeit untermauert die Einbeziehung von Resilienz im Anlagebereich

Als die Straße von Hormus im März und Anfang April geschlossen wurde, kam es zu einer Unterbrechung der Versorgung mit Öl und Flüssiggas, auf die Milliarden Menschen angewiesen sind. Die Energiemärkte wurden erschüttert. Es handelte sich um ein einzigartiges, aber nicht unvorhersehbares Ereignis, da diese Meerenge ein kritisches Nadelöhr in einer instabilen Region ist, die Länder mit begrenzten kurzfristigen Alternativen bedient.

Dieses Ereignis verdeutlicht einmal mehr, wie Energieresilienz – durch größere Autonomie – und Climate Investing sich gegenseitig verstärken können. Die Frage ist: Was könnte noch in den Wirtschaftssystemen, die Portfoliorenditen erwirtschaften, ähnlichen Risiken ausgesetzt sein? Unserer Ansicht nach eine Menge.

Grundlage für langfristige Wertschöpfung

Gesellschaftliche Resilienz – die Fähigkeit von Volkswirtschaften, Ökosystemen und Institutionen, Schocks abzufedern, sich anzupassen und ihre wesentlichen Funktionen beizubehalten – stellt in Portfolios nach wie vor ein unterschätztes Risiko dar.

Wie Hormus sind viele weitere kritische Abhängigkeiten bei ruhigen Bedingungen nicht erkennbar. Die wesentlichen digitalen Fähigkeiten sind in einer Handvoll Unternehmen konzentriert, und etwa 60 % der pharmazeutischen Wirkstoffe werden in Indien und China hergestellt.

Resilienz bildet die Grundlage für langfristige Wertschöpfung. Sie umfasst unter anderem Energie, Informationen, Lebensmittel, Gesundheitswesen, Institutionen, kritische Ressourcen, Klima und Ökosysteme.1

Die mit einer Abnahme der Sicherheit in jeder dieser Dimensionen verbundenen Risiken können auch ein Anlagerisiko verursachen. Unterbrechungen der Lieferkette, militärische Konflikte, extreme Wetterereignisse – verschiedene Beispiele, bei denen sich eine abnehmende Resilienz auf die Anlagerendite auswirken kann.

Fragmentierung wird anhalten

Die Geopolitik ist eine wesentliche Dimension der Resilienz. Die geoökonomische Konfrontation ist das größte kurzfristige Risiko im Global Risks Report 2026 des Weltwirtschaftsforums, und Strategen betrachten die Fragmentierung zunehmend als dauerhafte Neuordnung und nicht als vorübergehende Störung.2

In einer multidimensionalen Welt bewegen sich geoökonomische Schocks von Extremrisiken zu bedeutsamen Szenarien. Die geopolitische Resilienz beginnt mit der Kartierung struktureller Risiken, um herauszufinden, welche Sektoren und Regionen von der Industriepolitik (z. B saubere Energie kritische Mineralien, Verteidigung, Infrastruktur) profitieren und welche ein Fragmentierungsrisiko darstellen.

Von der Effizienz zur Resilienz der Lieferkette

Die Unterbrechungen der Lieferkette nach der COVID-19-Pandemie haben verdeutlicht, wie Konzentration und geografische Lage das finanzielle Risiko beeinflussen. Seit 2020 haben Unternehmen begonnen, sich von maximaler Effizienz auf die Einbeziehung von Resilienz zu verlagern.

Diversifizierung und Verlagerung in nahegelegene Länder, Beschaffung aus mehreren Quellen und Bestandspuffer nehmen in allen Branchen zu und werden zunehmend durch vorausschauende Analysen unterstützt. Die Pharmaindustrie führen eine Rückverlagerung Ihrer Kapazitäten durch, um die Abhängigkeit von Indien und China zu verringern, und der Automobilsektor hat sich nach dem Lieferschock 2022-2023 bei Halbleitern von reinen Just-in-Time-Modellen verabschiedet.

Dieser Konflikt ist kostspielig, denn die Resilienz steht in einem Spannungsverhältnis zur Effizienz, die ein klassisches Risiko-Rendite-Verhältnis darstellt. Die Renditeannahmen für börsennotierte Märkte wurden auf eine Wirtschaft mit stärkerer globaler Integration abgestimmt. Die Verschiebung in Richtung Resilienz bedeutet ein geringeres Trendwachstum und eine höhere strukturelle Inflation.

Physische Resilienz

Resilienz umfasst auch einen starken Umweltaspekt, insbesondere im Hinblick auf den Klimawandel. Der jährliche wirtschaftliche Schaden durch extreme Wetterereignisse beläuft sich auf etwa 0,5 % des globalen BIP, und die Risiken werden mit zunehmender Erwärmung selbst bei einer Emissionssenkung steigen.

Nach unserer Analyse sind rund 30 % des MSCI AC World Index einem hohen kurzfristigen physischen Bruttorisiko ausgesetzt, das von der globalen Erwärmung ausgeht. Im MSCI Emerging Markets Index sind es rund 60 % der Marktkapitalisierung. Die entscheidende Frage lautet, inwieweit Unternehmen – und die Länder, in denen sie tätig sind – die Bruttorisiken durch Anpassung, Versicherung und Risikomanagement mindern können.

Die Risikoprämien auf Emittentenebene werden zunehmend das Gefahrenpotenzial, die Resilienz der Vermögenswerte, die Diversifizierung der Lieferkette und den Zugang zu Versicherungen widerspiegeln. Da sich Risikomodelle und die Offenlegung der Unternehmen noch in der Entwicklung befinden, haben Anleger, die diese Faktoren beurteilen können, einen Informationsvorsprung.

Wesentlich auf zwei Ebenen

Resilienz beeinflusst nicht nur das Risikoprofil von Portfolios, sondern bietet auch eine Vielzahl von Möglichkeiten, von der Wasserinfrastruktur und der Modernisierung der Stromnetze bis hin zu Resilienzanalysen, Logistik und Energieinfrastruktur.

Außerdem steht Resilienz häufig im Einklang mit Nachhaltigkeitszielen – beispielsweise durch Investitionen, die die Energieunabhängigkeit oder die regionale Wirtschaft stärken.

Für die Einbeziehung der gesellschaftlichen Resilienz in die Anlagestrategie spricht daher die doppelte Wesentlichkeit. Sie beeinträchtigt die Fähigkeit der Anleger, ihre primären Anlageziele zu erreichen. Die Bereitstellung von Kapital zur Stärkung der Resilienz der heimischen Wirtschaft kann für Anleger wie Pensionsfonds auch mit dem langfristigen Wohl der Begünstigten in Einklang stehen.

Drei gängige Ansätze zur Umsetzung

Resilienz kann je nach Anlegertyp, Region und Präferenzen auf unterschiedliche Weise integriert werden. Wir stellen drei gängige Ansätze vor.

Erstens bietet Thematic Investing ein direktes Engagement in Resilienzchancen. Dies kann entweder durch breitere Allokationen in spezifische resilienzbezogene Themen oder durch einen gezielteren Ansatz erreicht werden, bei dem konzentriertere Portfolios von Unternehmen aufgebaut werden, die die wirtschaftliche Resilienz stärken und gut positioniert sind, um von diesem langfristigen Trend zu profitieren. Neben Verteidigung umfassen diese Chancen eine Vielzahl von Sektoren, darunter Infrastruktur, IT, Versicherungen, Energie und andere.

Zweitens überdenken einige Anleger das erhebliche US-Engagement in breiten Aktien- und Anleihenindizes. Eine geringere Konzentration kann dazu beitragen, das Konzentrationsrisiko zu mindern, während eine Umschichtung von Kapital in andere bestimmte (heimische) Regionen die lokale wirtschaftliche Resilienz unterstützen kann. Bei Anleihen können solche Anpassungen oft effizient durchgeführt werden, wobei sie, falls gewünscht, nahe an der ursprünglichen Benchmark bleiben. Bei Aktien sind die Auswirkungen auf das Risiko-Rendite-Profil jedoch in der Regel ausgeprägter.

Schließlich können gezielte Allokationen in bestimmte Sektoren oder Regionen innerhalb der Märkte für private Anleihen – wie Infrastrukturprojekte oder KMU-Darlehen an ausgewählte Unternehmen – attraktive langfristige Renditen fördern und gleichzeitig direkt eine resilientere (heimische) Wirtschaft und Gesellschaft finanzieren.

Die Straße von Hormus wird nicht die letzte Erinnerung daran sein, dass Resilienz in Portfolios eingepreist werden muss– als Risiko, als Chance und für manche Anleger als Notwendigkeit.

Fußnoten


1SPIL (2026), Knowledge Paper 9
2Mercer (2026), Investment Themes and Opportunities 2026: The Post-Consensus Era; BlackRock Investment Institute (2025), Geopolitical Fragmentation: Mega Forces