SI-Debatte

Kann Systems-Level Investing gesellschaftliche Probleme lösen?

Systems-Level Investing1entwickelt sich rasant zu einer der meistdiskutierten Ideen für Nachhaltigkeit im Finanzsystem. Es verspricht, die Stabilität ganzer Wirtschaftssysteme mit der Performance von Anlageportfolios zu verknüpfen. Auf den ersten Blick erscheint dies logische Weiterentwicklung. Wenn Anleger als universelle Eigentümer fungieren, dann bestimmt letztlich die Integrität des Systems ihre langfristigen Renditen. Aber handelt es sich hier wirklich um ein neues Zeitalter oder lediglich um alten Wein in neuen Schläuchen?

Autoren/Autorinnen

    Head of Sustainability Integration

Zusammenfassung

  1. Systems-Level Investing verbindet wirtschaftliche Stabilität mit der Performance des Portfolios
  2. Genau wie Klimaschutz ist auch gesellschaftliche Resilienz eine Voraussetzung für Wirtschaftswachstum
  3. Denkweise muss sich von reiner Fokussierung auf Alpha hin zu nachhaltigem Beta verlagern

Jenseits von Alpha: Anleger und das System, von dem sie abhängen

Traditionelle Anlageansätze basieren auf einer klaren Trennung: Anleger generieren Alpha, während Beta – die allgemeine Marktrendite – als exogener Faktor betrachtet wird, also etwas, das es zu optimieren gilt, das aber nicht beeinflussbar ist.

Diese Veränderung wirft eine grundlegende Frage auf: Wo beginnt und wo endet die Anlegerverantwortung?

Beim Systems-Level Investing wird diese Annahme infrage gestellt. Es wird dabei argumentiert, dass das Beta nicht neutral ist, sondern vielmehr von systemischen Risiken wie dem Klimawandel, Ungleichheit und institutioneller Fragilität geprägt wird. Diese Risiken lassen sich nicht diversifizieren und wirken sich daher unmittelbar auf die langfristige Performance des Portfolios aus.

Die Schlussfolgerung ist von großer Tragweite: Wenn Anleger für ihre Renditen auf das System angewiesen sind, dann ist ein Beitrag zur Stabilität dieses Systems keine Option, sondern eine finanzielle Wesentlichkeit.

Treuepflicht neu definiert

Diese Veränderung wirft eine grundlegende Frage auf: Wo beginnt und wo endet die Anlegerverantwortung?

In der Vergangenheit wurde die Treuepflicht eng ausgelegt und allgemein als Maximierung der finanziellen Renditen im Rahmen eines festgelegten Mandats definiert. Eine Denkweise auf Systemebene erweitert diese Perspektive. Wenn systemische Risiken die langfristigen Renditen beeinträchtigen, könnte deren Nichtbeachtung im Widerspruch zur Treuepflicht stehen, anstatt ihr gerecht zu werden.2

In diesem Sinne geht es beim Systems-Level Investing weniger darum, „Gutes zu tun“, als vielmehr darum, die langfristige Wertschöpfung zu sichern.

Klima ist nicht alles

Der Erfolg des Climate Investing verdeutlicht, wie wirkungsvoll diese Logik sein kann. Es herrscht mittlerweile weitgehende Einigkeit darüber, dass die wirtschaftlichen Kosten einer Untätigkeit im Kampf gegen den Klimawandel deutlich höher sind als die Kosten für den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft.3

Diese Klarheit hat in großem Umfang Kapital mobilisiert. Veranstaltungen zum Klimaschutz füllen ganze Konferenzräume. Dieses Momentum erstreckt sich aber nicht in gleichem Maße auf soziale Themen. Während der Klimaschutz überall auf der Agenda steht, werden soziale Themen wie Ungleichheit, Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte sowie der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung oft an den Rand gedrängt und finden in der Praxis weitaus weniger Beachtung.

Bleiben Sie über die neuesten Einblicke ins Sustainable Investing auf dem Laufenden

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und erfahren Sie, welche Trends das Sustainable Investing prägen.

Wie Sustainable Investing funktioniert

Schwachstelle: Soziale Systeme sind genauso wichtig

Angesichts der vorliegenden Erkenntnisse ist dieses Ungleichgewicht auffällig. Zahlreiche empirische Untersuchungen belegen, dass eine hohe Ungleichheit das langfristige Wirtschaftswachstum beeinträchtigt, da sie Institutionen schwächt, das Humankapital einschränkt und die Instabilität vergrößert. So wird beispielsweise geschätzt, dass die zunehmende Ungleichheit das kumulierte BIP-Wachstum in den OECD-Ländern über einen Zeitraum von 20 Jahren um 4,7 Prozentpunkte verkleinert hat.4 Aus weiteren Studien gingen zwar andere Zahlen hervor, doch die Schlussfolgerung bleibt gleicht: Ungleichheit ist negativ mit Wachstum korreliert.

Umgekehrt verdeutlichen Studien, dass Investitionen in Bildung, Gesundheitsversorgung und starke Institutionen sowohl Ungleichheiten verringern als auch die Produktivität steigern können, was wiederum der Wirtschaftsleistung zugute kommt. Genau wie Klimarisiken wirkt sich also auch der Verfall sozialer Systeme unmittelbar auf den Beta-Faktor aus, auf den sich Anleger stützen.

Warum hinkt also das Social Investing trotz seiner finanziellen Bedeutung so weit hinterher?

Von der Risikovermeidung zur Wertschöpfung

Dies lässt sich zum Teil mit der derzeitigen Anlagepraxis beantworten. Die meisten Anlagekonzepte in Bezug auf soziale Themen beschränken sich heute darauf, Schaden zu vermeiden – häufig durch den Ausschluss einer kleinen Anzahl umstrittener Unternehmen oder durch die Bewältigung von Reputationsrisiken.

Der Ansatz ist also völlig anders als beim Klimaschutz, bei dem Anleger aktiv Kapital in Übergangslösungen, Infrastruktur und Innovation investieren. Sollten die Studien zutreffen, dann dürfte das Systems-Level Investing auch in Bezug auf soziale Themen ein ähnliches Umdenken erfordern:

  • Vom Ausschluss zu systemischen Auswirkungen

  • Von der Risikominderung zur Erkennung von Anlagechancen

  • Von der isolierten Unternehmensanalyse zu systemweiten Ergebnissen


Neue Initiativen, darunter die Ausarbeitung besserer Standards und Rahmenwerke wie beispielsweise die Taskforce on Inequality and Social-related Financial Disclosures (TISFD), spiegeln diesen Wandel wider. Ihr Ziel ist es, über die bloße Messung einfacher Leistungs- und Ergebniskennzahlen hinauszugehen und zu verstehen, inwiefern Unternehmen zu sozialen Systemen beitragen oder diese untergraben und welche finanziellen Auswirkungen dies haben könnte.

Alter Wein in neuen Schläuchen oder eine erforderliche Weiterentwicklung?

Kritiker argumentieren, dass Systems-Level Investing nichts grundsätzlich Neues sei. Es knüpft an frühere Konzepte wie universelle Eigentümerschaft und Investitionen in nachhaltige Entwicklung an. Und in gewisser Weise haben sie recht. Die zugrunde liegende Logik ist seit Jahrzehnten bekannt.

Neu sind jedoch die Dringlichkeit und die Evidenz. Wir verstehen inzwischen besser, wie sich ökologische und soziale Systeme auf finanzielle Ergebnisse auswirken. Wir verfügen über fundiertere Daten, klarere Rahmenbedingungen und eine zunehmende regulatorische Dynamik.

Die Herausforderungen beim Systems-Level Investing

Trotz seiner soliden theoretischen Grundlage stößt das Systems-Level Investing auf praktische Hindernisse. Erstens: Auch wenn es zahlreiche Belege dafür gibt, dass Investitionen in den Klimaschutz und in soziale Bereiche die wirtschaftliche Resilienz stärken, stellen Investitionen in den Klimaschutz für Unternehmen interne Kosten dar, während die wirtschaftlichen und sozialen Kosten von der Gesellschaft getragen werden. Daher gibt es für Unternehmen und Anleger keinen unmittelbaren Anreiz für Veränderungen. Dies liegt auch daran, dass Anlagehorizonte nicht aufeinander abgestimmt sind, da sich die Vorteile oft erst über längere Zeiträume als die üblichen Performancezyklen einstellen.

Zweitens erfordert ein systemischer Wandel die Zusammenarbeit zwischen Anlegern, Aufsichtsbehörden und Unternehmen. Anleger allein können diese Probleme nicht lösen, deshalb arbeiten sie zunehmend mit Regierungen und der Politik zusammen. Und genau hier liegt das größte Hindernis. Es handelt sich um eine kulturelle Frage. Anleger sind es gewohnt, im Wettbewerb um Alpha zu stehen, und nicht daran gewöhnt, gemeinsam daran zu arbeiten, das Beta zu verbessern.

Fazit: Vom Konzept zur Überzeugung

Systems-Level Investing ist zwar nicht ganz neu, wird aber zunehmend unvermeidlich. Beim Klimaschutz ist die Lage bereits eindeutig: Investitionen in die Energiewende sind kostengünstiger als die Bewältigung der Folgen von Untätigkeit. Auch bei sozialen Themen deuten die Erkenntnisse in dieselbe Richtung: Stärkere Sozialsysteme bilden die Grundlage für stärkere Volkswirtschaften und sind eine Voraussetzung für nachhaltige langfristige Renditen.

Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob Systems-Level Investing gesellschaftliche Probleme lösen können, sondern ob Anleger bereit sind, anzuerkennen, dass ihre Portfolios bereits von deren Lösung abhängig sind.