Einblick

Finanzsektor besitzt noch Spielraum für Neubewertungen

Der Finanzsektor hat globale Aktien seit September 2023 um durchschnittlich 25 %1 übertroffen, was an einem massiven Anstieg der Rentabilität und der Eigenkapitalrendite liegt, die inzwischen deutlich über den Kapitalkosten liegt. Das Umfeld mit längerfristig höheren Zinssätzen, die steilere Renditekurve, die günstigen Kreditkosten und die enorme operative Hebelwirkung (nach vielen Jahren der Kostensenkung) zahlen sich buchstäblich aus. In der Wahrnehmung der Anleger ist diese neue Realität jedoch noch nicht in der Marktbewertung angekommen.

Autoren/Autorinnen

    Portfolio Manager
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    FinTech/New World Financials Analyst

Zusammenfassung

  1. Überalterte Bevölkerung trifft auf Deregulierung
  2. Finanzdienstleistungen in Schwellenländern lassen ihre Muskeln spielen
  3. Unvorsichtige Extrapolation in Softwareunternehmen bietet eine Chance

Die Aktienmärkte werden 2026 nach wie vor sehr mit der Entwicklung der globalen Liquiditätsindikatoren korrelieren. Die Entwicklung der (realen) Zinssätze, der Credit Spreads und der globalen Zentralbankpolitik wird weiterhin den Ton angeben, insbesondere im Finanzsektor. Die Anleiherenditen senden weltweit starke Signale, dass wir in ein neues Inflationsumfeld eintreten, aber es scheint, dass die Leitzinsen ihren Höhepunkt erreicht haben. Die Renditekurve ist seit Mitte 2023 steiler geworden, und dieser Trend setzt sich fort, was für im Einlagengeschäft tätige Finanzunternehmen sehr förderlich ist. Außerdem wird die Regulierung der Finanzmärkte nach 15 Jahren strengerer Vorschriften aufgrund der globalen Finanzkrise gelockert. Dies dürfte sich positiv auf die Gewinnprognose, das Renditeprofil und die Kapitalkosten vieler Finanzunternehmen auswirken, aber der Wandel wird langsam und ungleichmäßig verlaufen.

Der Konsens lautet derzeit, dass der Dollar weiterhin schwach bleibt, und wir stimmen zu, dass dies der Weg des geringsten Widerstandes ist. Die Schwäche des US-Dollars wirkt sich auch auf die Gesamtrenditen von Anlegern aus, die in anderen Währungen investieren, was unserer Ansicht entspricht, dass Nicht-US-Anlagen relativ gesehen attraktiver sind, da die Bewertungen günstiger sind und die Positionierung leicht bleibt, wenn auch mit reduzierter Untergewichtung. Die Aktienauswahl ist allerdings nach wie vor entscheidend, da viele starke US-Unternehmen attraktiv gehandelt werden.

Überalterte Bevölkerung trifft auf Deregulierung im Finanzsektor

Die Überalterung der Bevölkerung nimmt problematische Ausmaße an. In den USA kamen 1950 auf jeden Sozialleistungsempfänger 16,5 Arbeitskräfte. Heute sind es weniger als drei, und 2040 werden es nur noch zwei sein.2 In unserem Thema Finanzprodukte im Bereich Altersvorsorge erkennen wir eine Verlagerung der Belastung im Ruhestand vom Staat und den Unternehmen auf Einzelpersonen, was eine langfristige strukturelle Wachstumschance für gut positionierte Finanzdienstleister darstellt. Im Zeitraum von 2023 bis 2028 wird das gesamte Umsatzwachstum in der Vermögensverwaltung von alternativen Anlagen (Privatmärkte) getragen, die mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 11,5 % wachsen und 2028 fast die Hälfte der Gesamteinnahmen ausmachen sollen (siehe Abbildung 1).

Erfreulicherweise gibt es trotz der starken Performance 2025 nach wie vor deutliche Unterbewertungen, selbst wenn bestimmte Segmente, wie z. B. Retail-Broker und Investmentbanken, eine Neubewertung erfahren haben. Wir erwarten eine starke Pipeline für Fusionen und Übernahmen und Börsengänge, was in Verbindung mit einem ausgesprochen wirtschaftsfreundlichen Klima in den USA gute Voraussetzungen für Geschäftsabschlüsse bietet. Den Daten von Dealogic zufolge kündigten europäische Banken mehr Fusionen und Übernahmen an als in jedem anderen Jahr seit 2009, wobei die Gesamtzahl nahe an der ihrer US-Vergleichsgruppe lag. Auch in der Vermögensverwaltungsbranche scheinen Fusionen und Übernahmen zuzunehmen. Dieser Trend wird globalen Investmentbanken in den USA, aber auch in Europa und Asien zugute kommen. Da die Aktien von Finanzunternehmen gestiegen sind und die Nachhaltigkeit der derzeitigen Eigenkapitalrenditen weniger infrage gestellt wird, sind wir der Meinung, dass der Markt Fusionen und Übernahmen als Ersatz für endlose Rückkäufe inzwischen besser akzeptiert. Im Allgemeinen bevorzugen wir kleinere, marktnahe Transaktionen gegenüber großen, komplexen Geschäften, die eher enttäuschen.

Manager alternativer Vermögenswerte sind weiterhin gut positioniert, um in den nächsten fünf Jahren ein robustes Wachstum der gebührenabhängigen Erträge zu erzielen. In Verbindung mit einem sich verbessernden Ausstiegsumfeld dürfte diese Dynamik nach einem wenig überzeugenden Jahr 2025 den Aufbau neuer verwalteter Vermögen erleichtern. Die Lebensversicherer erzielten 2025 eine starke Performance. Das Wachstum des Neugeschäfts in Asien ist besonders vielversprechend. Europa und die USA bieten ebenfalls starke Wachstumschancen, da die Nachfrage nach Sparplänen für den Vorruhestand sowie nach Renteneinkünften nach der Pensionierung steigt.

Die derzeit stattfindende Lockerung des regulatorischen Umfelds dürfte sich positiv auf viele Finanzunternehmen auswirken. Angeführt wird diese Entwicklung von den USA, wo eine sehr unternehmensfreundliche Regierung daran interessiert ist, einen Teil des überschüssigen Kapitals (aus den regulierten Reserven) in die Realwirtschaft zu leiten. Die EU zieht jedoch ihre eigene Version von Kapitalmarktreformen in Erwägung, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu gewährleisten. Eine größere Flexibilität in punkto Kapital ermöglicht es den Banken, Wachstumsstrategien zu verfolgen, ihre Dividenden und Aktienrückkäufe zu erhöhen und den Gewinn zu steigern. Während die genauen Auswirkungen auf die Rentabilität von Institut zu Institut variieren, deutet eine HOLT-Analyse darauf hin, dass eine 1%ige Verbesserung der Cashflow-Eigenkapitalrendite (CFROE) - ein Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit - zu einer 8 %igen Erhöhung der gerechtfertigten Bewertung für US-Banken führen könnte. Ebenso könnte eine Senkung des Abzinsungssatzes für europäische Banken um 1 % – als Reaktion auf höhere Renditen und das geringere wahrgenommene Risiko – zu einem Anstieg der gerechtfertigten Bewertung um 17 % führen. Weitere Einzelheiten finden Sie in unserem Artikel über strukturellen Rückenwind für den Finanzsektor. 3

Abbildung 1 – Weltweiter Umsatz in der Vermögensverwaltung (USD, Mrd.) 2018-2028

Quelle: Oliver Wyman, Morgan Stanley, Dezember 2025

Finanzdienstleistungen in Schwellenländern lassen ihre Muskeln spielen

Beim Thema Finanzdienstleistungen in Schwellenländern steht die Expansion der weltweiten Mittelschicht im Vordergrund, besonders in den Ländern, in denen Finanzdienstleistungen bisher wenig verbreitet sind. Nach einer schwachen Periode beendeten Finanztitel aus Schwellenländern das Jahr 2025 stark, mit herausragenden Ergebnissen in Mittel- und Osteuropa, Südkorea und Brasilien. Die Weltwirtschaft hat sich als bemerkenswert robust erwiesen, und viele Schwellenländer dürften 2026 ein solides Wachstum beibehalten. In vielerlei Hinsicht befinden sich Schwellenländer auf einem nachhaltigeren makroökonomischen Kurs als viele Industrieländer. Da die Inflation nun weitgehend unter Kontrolle ist, sind die meisten Zentralbanken im vergangenen Jahr zu einer Lockerung der Geldpolitik übergegangen (Brasilien und Japan waren nennenswerte Ausnahmen). Außerdem werden Brasilien und Mexiko in diesem Jahr ihre Zinssätze voraussichtlich senken. Unterstützt durch eine günstige inländische Dynamik, strukturelle Wachstumsaussichten und attraktive Bewertungen sind die Aussichten für die Finanzdienstleistungen in Schwellenländern 2026 positiv.

Abbildung 2 – Wertmäßiges Wachstum von Finanzdienstleistungen in Schwellenländern

Quelle: Bloomberg, Robeco, 31. Dezember 2025

Unvorsichtige Extrapolation in Softwareunternehmen

In unserem Thema Digitale Finanzen bieten wichtige Trends wie alternative Zahlungsmethoden, erweiterte Kapitalmarktaktivitäten und die Einführung von KI die vielversprechendsten Chancen. Auf digitale Geldbörsen wie Apple Pay, Venmo, CashApp und Shop Pay4 entfallen immer größere Transaktionsvolumen. In den USA hatten digitale Wallets im Jahr 2024 einen Anteil von 39 % am gesamten Transaktionswert im E-Commerce und 16 % des Transaktionswerts an der Verkaufsstelle. Die Attraktivität liegt in der höheren Benutzerfreundlichkeit und dem geringeren Betrugsrisiko, was die Abkehr von der manuellen Karteneingabe, „Card-on-file-Zahlungen“ und Bargeld fördert.

Auf Buy-now-pay-later-Anbieter wie Afterpay, Affirm und Klarna entfielen im Jahr 2024 6 % der E-Commerce-Zahlungen und nur 1 % der Offline-Zahlungen, sie sind aber auf dem Vormarsch. Das gesamte Plattformportfolio von Affirm wuchs im Jahresvergleich um 36 % auf 16,1 Milliarden USD Ende September 2025. Zum Vergleich: Der Bruttokreditbestand des Kartenriesen Capital One fiel im gleichen Zeitraum um -1 % auf 443,8 Milliarden USD. Ohne belastbare zahlen zu haben, beobachteten wir in den letzten Monaten, dass Händler für Pay-by-Bank-Zahlungsoptionen geworben haben. Es ist ein Trend, den es zu beobachten gilt, da diese Zahlungsvolumina nicht über die Kartennetzwerke laufen. Außerdem stellen wir eine Änderung des politischen Kurses als Reaktion auf die Erschwinglichkeitskrise und die „K-förmige“ Wirtschaft, besonders in den USA, fest. Die Verlagerung hin zu populistischeren politischen Eingriffen bietet unserer Ansicht nach eine Chance für FinTech-Unternehmen, vor allem für solche, die transparente Kreditprodukte für Verbraucher und KMU anbieten.

Einer der größten transformativen Trends, den wir 2026 beobachten, ist die Einführung von KI-Agenten. KI-Agenten können durch die autonome Durchführung und Automatisierung komplexer Aufgaben für Nutzende die Effizienz steigern, Kosten senken und Kundenerlebnisse verbessern. In einer Welt digitaler Finanzen bedeutet dies, dass Tausende Bürojobs bei Finanzinstituten durch KI ergänzt werden könnten. Obwohl sich Anleger derzeit fast ausschließlich auf die bahnbrechenden Auswirkungen von GenAI auf traditionelle Unternehmen konzentrieren, beobachten wir eine gewisse Unachtsamkeit bei der Extrapolation. Es erinnert uns an die Zeit der COVID-19-Pandemie, als wir ein Narrativ „Die Welt hat sich für immer verändert“ erlebten, das innerhalb von 6-12 Monaten von der Realität eingeholt wurde.

Wir sind der festen Überzeugung, dass die meisten etablierten Unternehmen nur langsam auf diese Plattformveränderungen reagieren werden, dass aber digital ausgerichtete oder technikorientierte Unternehmen viel besser in der Lage sind, sich anzupassen und von der Welle der neuen KI-Lösungen zu profitieren. In diesem Sinne sind wir der Meinung, dass FinTech und KI natürliche Verbündete5 und keine Feinde sind. Unserer Ansicht nach liegt ein dauerhafter Vorteil in der Kontrolle über eigene Daten, Infrastruktur und Netzwerke. Langfristige Gewinner wird es dort geben, wo kontinuierlich eigene Daten generiert werden, wodurch die Ökonomie des „natürlichen Netzwerks“ zum Tragen kommt. Wir sehen regulierte Unternehmen als besser geschützt an und sind der Meinung, dass Plattformunternehmen, die einzigartige Verhaltensdaten generieren, von GenAI profitieren werden.

Zudem erleben wir, dass sich die Blockchain-Technologie schnell durchsetzt, da wir beginnen, die bestehende Finanzinfrastruktur neu auszustatten. Blockchains fungieren als neutrale Abwicklungs- und Ausführungsebene, auf der Aktivitäten, Liquidität, Daten und Anwendungen auf gemeinsamen Schienen zusammenlaufen. Wir stehen am Anfang eines Übergangs, bei dem sich Finanzdienstleistungen von der Online- zur On-Chain-Branche verlagern. Dieses Ökosystem ist mit GenAI auf natürliche Weise verbunden, da große Schwärme von KI-Agenten in Echtzeit und zu geringen Kosten bedient werden können. Interessant ist, dass in dieser neuen Wirtschaft nicht nur die Anwendungen, sondern auch die Blockchain-Ebene an Wert gewinnt. Da die Einführung von Enterprise GenAI noch in den Kinderschuhen steckt, müssen wir offen sein, wenn es darum geht, Gewinner und Verlierer auszuwählen, auch wenn die aktuelle Episode wahlloser Verkäufe eindeutig Chancen im Bereich Digitale Finanzen bietet.

Abbildung 3 – Digitale Geldbörsen und integrierte Finanzdienste wachsen über den globalen Zahlungsverkehr hinaus

Quelle: WorldPay, Robeco, Dezember 2025

Footnotes

1Past performance is no guarantee of future results. The value of your investments may fluctuate.
2How Social Security and Medicare Face a Crisis as America Ages – GovFacts - 2025
3Regulatory change is sparking fresh growth for financials and fintechs – Robeco – October 2025
4The companies referenced are for illustrative purposes only in order to demonstrate the investment strategy on the date stated. The companies are not
necessarily held by the strategy nor is future inclusion guaranteed. This is not a buy, sell or hold recommendation, nor should any inference be made on the
future development of these companies.
5 AI and fintech: A perfect match – Robeco – June 2025

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