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Die Energiekrise in der EU richtet Schaden an, kann aber auch als Chance genutzt werden

Die Energiekrise in der EU richtet Schaden an, kann aber auch als Chance genutzt werden

18-10-2022 | Einblicke

Der Winter steht unmittelbar bevor, doch dürften verschiedene natürliche und menschengemachte Faktoren dazu beitragen, dass es in der EU nicht zu großflächigen Blackouts kommt.

  • Farahnaz  Pashaei Kamali
    Farahnaz
    Pashaei Kamali
    Cluster Head - Energy & Utilities
  • Philipp  Kehrein
    Philipp
    Kehrein
    Sustainable Investing Analyst

Zusammenfassung

  • Zu den entscheidenden Faktoren zählen Witterung, geografische Lage, Strommix und Kapazitätsreserven
  • Die hohen Energie- und Beschaffungspreise werden die disruptive Entwicklung und die „kreative Zerstörung“ beschleunigen
  • Krise als Katalysator für den Wandel in der Energiepolitik, bei den Investitionen der Unternehmen und beim Konsumverhalten

Mit weniger Gaslieferungen und hohen Strompreisen befindet sich Europa inmitten in einer schweren Energiekrise. Ein warmer Winter könnte jedoch dazu beitragen, dass es in den kommenden Monaten nicht zu großflächigen Stromausfällen und extremen Rationierungen kommt. Zudem hat sich Europa LNG-Importe von verschiedenen Lieferanten gesichert und hofft, die Nachfrage in den Mitgliedstaaten weiter zu senken, indem die Unternehmen und Privathaushalte über freiwillige und obligatorische Maßnahmen ihren Verbrauch reduzieren.  Die Maßnahmen greifen bereits, und zugleich werden die Reserven weiter ausgebaut. In weniger als einem Jahr sind die Gasimporte der EU aus Russland von 40 % auf weniger als 10 % zurückgegangen. Zugleich konnten die Winterreserven für den gesamten Euroraum wieder auf beruhigende 90 % erhöht werden – Stand Anfang Oktober bedeutet das ein Reserve, die für zwei bis drei Monate hält.1

Abbildung 1: Europäische LNG-Importe

European LNG imports are appreciably higher in 2022 versus the recent past (2019-2021).

Source: Bloomberg NEF

Abbildung 2: Europäische Gasspeicherbestände

Gas reserves are rising and approaching maximum capacity.

Note: GY us gas year which begins in October. GY22 is from October 1, 2022 to September 30, 2023.

Wir glauben, dass der Verbrauch dauerhaft gesenkt werden muss, um auf mittlere Sicht Energiesicherheit zu gewährleisten. Allgemein wird erwartet, dass sich der Konflikt in der Ukraine länger hinziehen wird. Für Europa bedeutet dies einen „harten Entzug“ von russischem Gas, der von einem knappen und volatilen kurzfristigen Spotmarkt zur Deckung des Treibstoffbedarfs abhängig macht. In der Folge dürfte Europa mindestens bis 2023, eher bis 2024, hohe Energierechnungen tragen müssen, da neue Reserven nun ohne russisches Gas aufgebaut werden müssen.  

Der verstärkte Aufbau von Infrastrukturen für die Erzeugung, Speicherung und Verteilung erneuerbarer Energien braucht Zeit. Zunächst muss die Lücke daher mit importiertem LNG gefüllt werden. Derweil sind für kleine Unternehmen und einkommensschwache Haushalte, die wegen der steigenden Preise und Zinsen unter Druck stehen, bereits Entlastungen auf dem Weg. So hat die EU bereits EUR 300 Milliarden schwere Hilfspakete geschnürt, während die Mitgliedstaaten eigene Programme bestehend aus einer Kombination aus Preisdeckelung, Subventionen und Finanzierungshilfen aufgelegt haben. 

Zwar sind die Regierungen gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, um die Verbraucher zu entlasten und die Rezessionsrisiken zu senken. Doch könnten sie die Gasverknappung zusätzlich verschärfen, wenn die Hilfspakete nicht richtig durchdacht sind. Denn hohe Preise regen zum Sparen an, während ein Preisdeckel diesen Effekt abschwächt – was in den letzten Monaten in einigen EU-Ländern bereits zu beobachten war.2 Während eine EU-weite Preisobergrenze noch immer diskutiert wird, sorgt man sich dabei insbesondere um solche verzerrte Preissignale. 

Wir glauben, dass die EU einen differenzierten Ansatz wie in den Niederlanden bevorzugen sollte. Dabei werden die Preise für einen bestimmten Grundbedarf gedeckelt, während für den darüberhinausgehenden Verbrauch der volle Marktpreis zu zahlen ist. Dadurch werden die Haushalte von den erheblichen Energiekosten entlastet, während zugleich ein übermäßiger Verbrauch durch ein starkes Preissignal vermieden wird. Wir glauben außerdem, dass der globale Wettbewerb um Gas dadurch nachlassen wird, dass die chinesische Binnenkonjunktur schwächelt, während das Land erheblich mehr Gas aus Russland bekommt. Daher dürfte weiter genügend Gas nach Europa fließen – sofern es in Nordasien nicht zu einem strengen Winter kommt.

Wir glauben außerdem, dass der globale Wettbewerb um Gas dadurch nachlassen wird, dass die chinesische Binnenkonjunktur schwächelt, während das Land erheblich mehr Gas aus Russland bekommt. Daher dürfte weiter genügend Gas nach Europa fließen.

Komplizierte Gemengelage

In der EU wurde das Mantra „Haushaltsdisziplin“ durch das neue Mantra „Energiedisziplin“ ersetzt. Dabei sind allerdings die Einschränkungen und Auswirkungen in den Mitgliedstaaten unterschiedlich. Wie die einzelnen EU-Länder durch den Winter kommen werden, ist im Wesentlichen von der geografischen Lage, dem individuellen Energiemix, den Temperaturen und den nationalen Speicherkapazitäten abhängig. 

Sollte es im Norden sehr kalt werden, dürfte die Gasnachfrage nach oben schnellen, während wärmere Temperaturen im Süden den Druck auf die Energieversorgung verringern könnten. Zugleich könnte starker Wind an den deutschen und britischen Küsten für Gasersatz sorgen, während die östlichen Binnenstaaten wie Bulgarien, die Slowakei und Ungarn davon nicht profifieren und daher weiter stark von russischem Gas aus den Pipelines abhängig sind. Unterdessen lautet in Frankreich die große Frage, wann bestimmte Kernkraftwerke wieder den Betrieb aufnehmen. In Finnland und Schweden mangelt es indessen zwar an Gasspeicherkapazitäten, doch verfügen sie über reichlich Wasserkraft aus Wasserstraßen und Biomasse aus Wäldern. Trotz des anfänglichen Disputs dürften letztlich Vereinbarungen über die gemeinsame Nutzung von Energie zustande kommen, die das Risiko von Engpässen für einzelne Mitgliedstaaten weiter verringern.

Geringes Risiko von Stromausfällen, hohes Risiko von Insolvenzen

Während großflächige Blackouts unwahrscheinlich sind, gilt dies für Konkurse möglicherweise nicht. Wie auch auf Länderebene sind die einzelnen Sektoren und Unternehmen unterschiedlich stark von den hohen Energiepreisen betroffen. Am stärksten geraten dabei energieintensive Unternehmen und Sektoren unter Druck, vor allem die Bereiche Versorgung, Metallverarbeitung und Chemie, gefolgt von den Sektoren Lebensmittel, Gastgewerbe und Transport. 

Während sich systemrelevante Versorgungsdienste auf staatliche Hilfe verlassen können, haben größere Unternehmen, die genügend Liquiditätspuffer haben, bereits begonnen, die Produktion herunterzufahren. Derweil steigen Chemie- und Basismetallproduzenten auf preisgünstige Energiekohle um und stellen unrentable Produktionen ein. 

Unternehmen mit hohen Gewinnspannen oder bekannten Premiumprodukten konnten die höheren Kosten bislang an ihre Kundschaft durchreichen, was sie bislang relativ immun gemacht hat. Hingegen werden margenschwache und wettbewerbsintensive Branchen wie Luftfahrt, Lebensmittelindustrie und Einzelhandel, die ihre Preise nicht erhöhen können, ohne Marktanteile zu verlieren, noch stärker unter Druck geraten. Indessen gelingt es einigen energieintensiven Unternehmen, die höheren Kosten über verdeckte Preiserhöhungen weiterzureichen. So verkaufen beispielsweise Papier- und Zellstoffhersteller kürzeres oder schmaleres Toilettenpapier, während Lebensmittelhersteller, die indirekt von höheren Düngemittel- und Rohstoffpreisen betroffen sind, die Portionsgrößen reduzieren. 

Derweil werden auch die Risse in den Lieferketten tiefer. Von Glas und Aluminium bis hin zu Zucker und Ammoniak – die Drosselung der industriellen Produktion verknappt das Rohstoffangebot und beschleunigt die Teuerung bei nachgelagerten Produkten.

Auch wenn die Unternehmen alles tun, um sich an das neue Umfeld anzupassen, werden Betriebsschließungen nicht ausbleiben. Das betrifft vor allem kleine und mittlere Unternehmen, denen es an Größe und Liquidität mangelt. In Deutschland sind die Insolvenzen und Betriebsschließungen im Vergleich zum Vorjahr bis Ende August bereits um 26 % gestiegen.3 Zudem wird erwartet, dass das Wachstum in der Eurozone im zweiten Halbjahr schrumpfen und 2023 weiter zurückgehen wird, da die hohe Inflation, die steigenden Kosten und die niedrigen Verbraucherausgaben auf die Gewinne der Unternehmen durchschlagen.

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Die Kraft der schöpferischen Zerstörung

Wir befinden uns inmitten einer „schöpferischen Zerstörung“, die durch die starke Energieknappheit und explosive Volatilität beschleunigt wird. Diejenigen, die sich bisher auf eine ineffiziente, unflexible und mit fossilen Brennstoffen betriebene Infrastruktur verlassen haben, werden es zunehmend schwer haben, zu überleben, wenn unerwartete Krisen und Risiken auftauchen.  Darüber hinaus hat die Energieintensität der vorgelagerten Gewinnung und Raffinierung von Ressourcen dazu geführt, dass rohe, veredelte und fertige Materialien knapp werden, wenn Energie knapp wird.

Wir befinden uns inmitten einer „schöpferischen Zerstörung“, die durch die starke Energieknappheit und explosive Volatilität beschleunigt wird.

Die gute Nachricht lautet: Die Beschaffung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen hat sich bereits 2021 beschleunigt, und die Energieunsicherheit der Unternehmen dürfte den Ausbau mittel- bis langfristig weiter vorantreiben. Zugleich dürften in der kommenden Zeit die Investitionen in energie-, input- und prozesseffiziente Technologien steigen, da sich Industrie und Haushalte darauf einstellen, dass die Energieknappheit zur „neuen Normalität“ wird. Die EU-Initiativen für den Bau von Solardächern und die Nutzung energieeffizienter Wärmepumpen werden diese Trends zusätzlich beschleunigen.  Darüber hinaus werden die vor- und nachgelagerten Kräfte zusammen mit den zweckgebundenen EU-Mitteln Investitionen in dynamisch vernetzte intelligente Netze vorantreiben, die es privaten Haushalten, Gemeinden, Unternehmen und den Mitgliedstaaten ermöglichen, Energie effizient zu nutzen und zu teilen. 

Die schlechte Nachricht lautet, dass die hohen Energie-, Beschaffungs- und Investitionskosten so schnell nicht wieder sinken werden. Daher bleibt ein disziplinierter Energieverbrauch unumgänglich. Oft erweisen sich Krisen jedoch als Katalysator für Veränderungen. Regierungen, Verbraucher und Unternehmen sollten diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen. 

1 Reuters-Website, Stand: 11. Oktober 2022. https://graphics.reuters.com/UKRAINE-CRISIS/EUROPE-GAS/zdvxozxzopx/
2 Bruegel, Tracker für die Gasnachfrage, Stand: 5. Oktober 2022. https://www.bruegel.org/dataset/european-natural-gas-demand-tracker
3 Reuters, Germany Energy Price Shock Triggers Insolvency Wave. 20. September 2022.

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