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Der CO₂-Reporter: Marktbasierte vs. standortbasierte Scope-2-Emissionen

Der CO₂-Reporter: Marktbasierte vs. standortbasierte Scope-2-Emissionen

19-08-2021 | Kolumne
Anleger stützen sich bei Entscheidungen über Klimastrategien auf Daten, allerdings können die Emissionsdaten bei Investoren für Frustration sorgen. In der dritten Ausgabe einer neuen Artikelserie, die das Thema eher spielerisch angeht, begründet Thijs Markwat, weshalb man den Scope 2-Emissionen mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.
  • Thijs Markwat
    Thijs
    Markwat
    Researcher

Bei der Diskussion um CO2 geht es derzeit häufig um die Qualität und Einbeziehung von Scope 3-Emissionen bzw. die Frage, wie man CO2-Fußabdrücke normieren soll. Ich bin allerdings der Meinung, dass auch die Scope 2-Emissionen mehr Aufmerksamkeit verdienen. Beginnen möchte ich mit einer kurzen Zusammenfassung:

  • Scope 1-Emissionen sind diejenigen CO2-Emissionen, die ein Unternehmen direkt durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe produziert
  • Scope 2-Emissionen sind die Emissionen, die bei der Erzeugung des Stroms entstehen, der von einem Versorger gekauft wird1
  • Scope 3-Emissionen sind alle übrigen indirekten Emissionen, die während der Wertschöpfungskette entstehen.

Somit sind als „Scope 2“ indirekte Emissionen zu klassifizieren, die bei der Erzeugung extern bezogenen Stroms entstehen. Je nach dem, wie dieser Strom erzeugt wurde, können die Emissionen höher oder niedriger ausfallen. Gemäß dem Greenhouse Gas Protocol gibt es zwei Methoden zur Berechnung des mit Scope 2-Emissionen verbundenen CO2-Fußabdrucks:

  • Marktbasiert (MB): Emissionen, die anhand der in vertraglichen Instrumenten festgehaltenen Emissionsgrößen berechnet wurden
  • Standortbasiert (LB): Emissionen, die anhand der durchschnittlichen Emissionsintensität des jeweiligen Stromnetzes berechnet wurden.

Demnach spiegeln die LB Scope 2-Emissionen wider, was man über das Stromnetz physisch erhält, während die MB Scope 2-Emissionen ausdrücken, was man gekauft hat. Im nächsten Schritt betrachten wir, wie MB Scope 2- und LB Scope 2-Emissionen in der Praxis zusammenhängen. Für die Analyse verwenden wir von Unternehmen publizierte Daten (Quelle: Carbon Disclosure Project). Insgesamt gibt es 2.708 Unternehmen, die ihre LB Scope 2-Emissionen publizieren. Davon machen 1.516 Unternehmen (56 %) ebenfalls Angaben zu ihren MB Scope 2-Emissionen. Tendenziell publizieren Großunternehmen ihre MB Scope 2- Emissionen häufiger als Kleinunternehmen.

Die untenstehende Grafik zeigt die Verteilung von LB Scope 2-Emissionen und MB Scope 2-Emissionen für alle Unternehmen, die beide Arten von Scope 2-Emissionen publizieren.2

Am unteren Ende der Grafik finden sich die Unternehmen, die beträchtliche LB Scope 2-Emissionen, aber keine MB Scope 2-Emissionen aufweisen. Diese Unternehmen haben allgemeine Verträge mit Lieferanten erneuerbarer Energien abgeschlossen oder haben ihre Emissionen vertraglich mit Drittparteien ausgeglichen. Die graue Linie zeigt gleichhohe MB Score 2-Emissionen und LB Scope 2-Emissionen an.

Von allen Unternehmen geben 71 % niedrigere MB Scope 2-Emissionen und 21 % höhere MB Scope 2-Emissionen als LB Scope 2-Emissionen an; 7 % geben identische MB Scope 2- und LB Scope 2-Emissionen an. Zunächst fand ich es sehr auffällig, dass 21 % der Unternehmen höhere MB Scope 2-Emissionen als LB Scope 2-Emissionen angeben. Ich hatte stets unterstellt, dass die MB Scope 2-Emissionen niedriger als die LB Scope 2-Emissionen seien, da ich nicht davon ausgegangen war, dass ein Unternehmen Strom kaufen würde, der „schmutziger“ ist, als derjenige, den es über das Netz bezieht. Dann wurde mir aber klar, dass natürlich nicht jeder sauberere Energie als der durchschnittliche Stromkunde kaufen kann.

Ich könnte sogar beginnen, die gegenteilige Einschätzung zu vertreten und mich darüber zu wundern, weshalb der mit Abstand größte Teil der Unternehmen sich unterhalb der Diagonale befindet. Wenn die meisten Unternehmen einen wesentlich sauberen Strommix verwenden als der Durchschnitt, stellt sich die Frage, wer den „schmutzigeren“ Strom verwendet. Natürlich wird es auch eine Verzerrung bei der Berichterstattung geben, da umweltfreundliche Unternehmen stärker dazu tendieren, auch die MB Scope 2-Emissionen zu publizieren. Darüber hinaus könnte es sein, dass Kleinunternehmen, Haushalte und der Staat die Nettoabnehmer der schmutzigeren Energie sind.

Des Weiteren könnte es Fehler bei den publizierten Daten geben. Beispielsweise ist es verdächtig, dass bei 7 % der Unternehmen die MB Scope 2-Emissionen und die LB 2-Emissionen exakt die gleiche Höhe haben. Zusammenfassend würde ich sagen, dass es nicht ganz einfach ist, das Konzept der MB Scope 2-Emissionen wirklich zu verstehen und dass im Hinblick auf Scope 2 noch viele Fragen offen sind.

1 Ebenfalls auf die Scope 2-Emissionen anzurechnen sind zugekaufte(r) Dampf, Wärme oder Kühlung. Für die vorliegende Betrachtung legen wir den Fokus aber auf Strom.
2 Die Grafik zeigt die 1 + Emissionen, da wir Nullemissionen auf einer logarithmischen Skala anzeigen mussten.

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