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„Factor Investing” braucht einen neuen Ansatz

„Factor Investing” braucht einen neuen Ansatz

07-01-2016 | Einblicke

Wir sprachen mit Mark Voermans, Senior-Portfoliomanager bei APG Quantitative Equities, der sich schon früh für „Factor Investing” in den Niederlanden ausgesprochen hat.

Wir baten ihn zu erläutern, wie dieser Investmentstil dazu beitragen kann, die Zielsetzungen von Pensionsfonds zu erreichen. Voermans sieht auf einem Index basierende „Factor Investing”-Lösungen kritisch. „Bei der Nachbildung von Faktorindizes können nicht alle Präferenzen einzelner Anleger berücksichtigt werden”, sagt er. Die niederländische Kapitalanlagegesellschaft APG, einer der weltweit größten Anleger von Geldern von Pensionsfonds, verwaltet ein Gesamtvermögen von über 400 Mrd. EUR. Quantitative Aktienstrategien spielen bei APG eine wichtige Rolle, und die Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungskriterien (Environmental, Social, and Corporate Governance Issues – ESG) ist für das Unternehmen eine große Herausforderung.

Können Pensionsfonds Faktorindizes als Grundlage für ihre Investmentstrategie verwenden?

„Bei der Nachbildung von Faktorindizes können nicht alle Präferenzen einzelner Anleger berücksichtigt werden. Die Art der Strategie hängt vom Anlegertyp ab. Das konkrete Portfolio, das Sie für einen kleineren Pensionsfonds zusammenstellen, wird sich wahrscheinlich von dem für einen großen Pensionsfonds unterscheiden. Meiner Meinung nach gibt es keinen Index, der für alle passt.”

Die Ziele von Pensionsfonds gehen über eine überdurchschnittliche Performance und eine Reduzierung von Risiken hinaus. Es gibt mindestens drei weitere Ziele, die sich nicht mittels Nachbildung gängiger Indizes erreichen lassen. Das erste ist die Einbeziehung von ESG-Kriterien in eine Investmentstrategie.”

„Der Wertpapierumschlag in einem Portfolio ist der zweite Aspekt. Und zwar nicht nur, weil er den Markt beeinflusst und sich damit auf den Nettoertrag auswirkt. Das Portfolio sollte auch den langen Anlagehorizont von Pensionsfonds widerspiegeln.”

„Der dritte Grund, warum der Ansatz für „Factor Investing” aktiv sein sollte, ist die Kapazität. Auf einer Indexnachbildung basierende Lösungen veranlassen Anleger, Wertpapiergeschäfte im Rahmen von Index-Neuausrichtungen zeitgleich auszuführen, was möglicherweise nicht optimal ist. Für einen großen Pensionsfonds kann es schwierig sein, Wertpapiergeschäfte auszuführen, ohne den Markt zu beeinträchtigen.”

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Was ist Ihre Meinung zu den Anbietern von Faktorindizes?

Manche Index-Anbieter stellen Index-Produkte zusammen, die für alle passen sollen und im Rahmen einer kostengünstigen Anlagestrategie nachgebildet werden können. Das lässt vermuten, dass es relativ einfach ist, eine Faktorprämie zu vereinnahmen. Man sollte allerdings die Komplexität einer Faktorstrategie nicht unterschätzen; denn vor dem Portfolio-Aufbau muss eine ganze Reihe von Entscheidungen getroffen werden. Diese reichen von Gewichtungsschemata, Kapazitätsbeschränkungen und ESG-Kriterien über Positionsobergrenzen für Sektoren, Länder und einzelne Aktientitel bis zur Art des Anlageuniversums und zu der Frage, wie eine Neupositionierung vorgenommen werden soll. Da diese Entscheidungen in der Zukunft Risiken und Renditen beeinflussen werden, sollten Portfoliomanager sie auf Basis umfangreicher Research-Analysen treffen und dabei die Anforderungen und Ziele eines Kunden berücksichtigen.”

„Ein weiterer Nachteil von Index-Lösungen ist, dass die Anbieter zehn Tage im voraus auf Indexveränderungen hinweisen. Dies sind für die Vermögenseigentümer sensible Informationen, weil sie auf legale Weise für ‚Frontrunning’ verwendet werden können – mit nachteiligen Folgen für die Renditen.”

Was ist das größte Hindernis bei der Umsetzung von Faktorstrategien?

„Kapazität. Eine Strategie, die auf dem Papier gut funktioniert, kann bei der tatsächlichen Umsetzung auf Probleme stoßen. Zum Beispiel kann man für einen Backtest die Schlusskurse vom letzten Handelstag eines Monats verwenden. In der Realität kann es aber ein paar Tage dauern, bis ein Aktiengeschäft abgewickelt ist. Backtests realitätsnäher zu gestalten, ist sinnvoll. Man wird aber nie in der Lage sein, die Realität nachzuahmen.”

„Es gibt drei wesentliche Schritte von der Research-Analyse bis zur Umsetzung. Der erste Schritt erfolgt auf Faktorebene: die Auswahl eines Faktors ausgehend von Research-Analysen und fundamentalen Überzeugungen sowie Entscheidungen, wie dieser Faktor ‚konstruiert’ werden kann.”

„Der zweite Schritt bezieht sich auf den Portfolio-Aufbau. Neben den bereits erwähnten diesbezüglichen Entscheidungen kommt es auch darauf an, was man mit ungewollten Faktorengagements im Portfolio macht. Man kann diese neutralisieren oder als gegeben hinnehmen.”

„Der dritte Schritt ist die Umsetzung – bspw. der Umgang mit für den Aktienkurs relevanten Unternehmensmaßnahmen. Ein weiterer Aspekt ist der Einsatz von liquiden Mitteln, Derivaten und Wertpapierleihegeschäften. Alles in allem müssen Portfoliomanager zahlreiche (kundenspezifische) Entscheidungen treffen.”

Wie können ESG-Kriterien berücksichtigt werden?

„In Aktienauswahlmodellen werden ESG-Kriterien bisher üblicherweise mit Hilfe von Ausschlusslisten umgesetzt. Ich glaube, wir sollten von einem Ausschluss- zu einem Einschlussverfahren bzw. zu positiven Kriterien übergehen. Viele ESG-Kriterien lassen sich in Aktienauswahlmodelle einbauen. Sie zeichnen sich überwiegend durch niedrige Risiken und qualitätsbezogene Eigenschaften aus.”

„Bei APG ist die Einbeziehung von ESG-Kriterien in alle unsere quantitativen Strategien ein klarer Schwerpunkt, der uns in den nächsten fünf Jahren vor Herausforderungen stellen wird. Es gibt dabei zwei gegensätzliche Zielsetzungen, für die wir eine Lösung finden müssen: Für quantitative Strategien wird ein großes Aktienuniversum benötigt, aber man muss auch jedes einzelne Unternehmen kennen, in dessen Aktien man unter ESG-Gesichtspunkten investiert.”

Welche Rolle spielen Benchmarks?

„Eine Benchmark sollte als Performance-Maßstab verwendet werden und die Erwartungen von Anlegern widerspiegeln. Die Auswahl einer Benchmark sollte an das Ziel der Faktorstrategie geknüpft werden. Besteht dieses bspw. darin, die Performance eines nach Börsenkapitalisierung gewichteten Index zu übertreffen, dann kann ein solcher Index eine geeignete Benchmark sein.”

„Alternativ kann man einen Faktorindex als Vergleichsmaßstab verwenden. Solche Indizes sind allerdings nicht für eine ganze Faktorkategorie repräsentativ; denn ein „Value”-Index ist nur eine von vielen möglichen „Value”-Strategien. Eine Lösung ist die Zusammenstellung einer aus verschiedenen „Value”-Indizes bestehenden Vergleichsgruppe. Allgemein ist es meiner Erfahrung nach aber einfacher, einen nach Börsenkapitalisierung gewichteten Index als Benchmark zu verwenden.”

Wie sehen Sie die Zukunft von „Factor Investing” und „Quantitative Investing” im Allgemeinen?

„Ich sehe, dass sich zwei große Trends abzeichnen. Der erste ist ‚Big Data’. APB hat in diesem Bereich ehrgeizige Ziele. Es gibt im Internet eine Fülle von potenziell nützlichen Daten, z. B. in den sozialen Medien und in Blogs. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz können diese Daten so aufbereitet werden, dass sie effektiv auf quantitative Anlagestrategien angewandt werden können.”

„Der zweite große Trend ist ESG. Aktuell wird der Verkleinerung des CO2-Fußabdrucks von Portfolios sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Anders als bei ‚Big Data’ liegt die Herausforderung hier darin, dass es nicht genügend Daten gibt. Ich bin allerdings optimistisch, dass die Assetmanagement-Branche und die Wissenschaft ESG-Kriterien in ihr Research einbeziehen werden, weil zunehmend Daten verfügbar werden, die längere Zeiträume abdecken.”

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