germanyde
China: Neustart von Motor Nr. 3

China: Neustart von Motor Nr. 3

07-06-2022 | Monatsausblick
Die geknechteten chinesischen Konsumenten benötigen Unterstützung, wenn das Land seinen Wachstumspfad fortsetzen soll, sagt Multi-Asset-Investor Colin Graham.
  • Colin  Graham
    Colin
    Graham
    Head of Multi Asset Strategies and Co-Head of Sustainable Multi Asset Solutions

In aller Kürze

  • Konsumausgaben in China werden durch Lockdowns in Großstädten beeinträchtigt
  • Anreizprogramme umfassen Zinssenkungen, während andere Länder die Zinsen anheben
  • US-Hochzinssegment steht ebenfalls unter Beobachtung, da Rezessionsgefahren drohen

China hat sich auf vier Wachstumsmotoren gestützt: den Export, umfangreiche private Investitionen, Konsumenten mit großer Kaufkraft und öffentliche Investitionen seitens des Staates. Jedoch wurde Motor Nr. 3 schwer durch einen neuen Ausbruch des Coronavirus beeinträchtigt, das im Jahr 2020 in China aufgekommen war.

Die chinesische Regierung plant inzwischen massive Anreizprogramme. Diese umfassen die Senkung der Zinsen zu einem Zeitpunkt, an dem westliche Länder sie erhöhen, sagt Colin Graham, Head of Multi-Asset Strategies bei Robeco.

„Die jüngste Bedrohung des Wohlergehens und des Wohlstands der chinesischen Bevölkerung durch Corona hat die Regierung dazu veranlasst, gravierende Lockdowns in Shanghai und anderen Regionen zu verhängen. In Peking wurden weniger drastische Maßnahmen umgesetzt“, sagt er.

„Die Wirtschaftsprognosen wurden angesichts verbreiteter Lockdowns deutlich herabgesetzt und die Verbraucher wurden in eine Auszeit geschickt. Der chinesische PMI für den Dienstleistungssektor verzeichnete einen Wert von unter 40, was auf eine Konjunkturverlangsamung hindeutet. Demnach koppeln sich die chinesische Binnenwirtschaft und die Geldpolitik von der übrigen Welt ab.“

„Während andere Notenbanken die Zinsen angehoben und die Finanzierungsbedingungen gestrafft haben, hat die chinesische Notenbank die Leitzinsen gesenkt und die Mindestreserveanforderungen gelockert.“

Erhalten Sie regelmäßig die Robeco e-News
Erhalten Sie regelmäßig die Robeco e-News
Anmelden

Umfangreiche Anreizmaßnahmen in Planung

Auch fiskalpolitische Anreize sind in Arbeit. Die chinesische Regierung kündigte kürzlich Vorhaben zur Erhöhung der Infrastrukturausgaben um 45 Milliarden US-Dollar an. Außerdem soll die Luftfahrtbranche 42 Milliarden Dollar an Unterstützungszahlungen und die Mittelklasse Steuersenkungen im Volumen von 20 Milliarden Dollar erhalten.

„Die Steuersenkungen scheinen zum rechten Zeitpunkt im Zyklus zu kommen, um das Wachstum anzuregen. Im Unterschied dazu hat in den USA die Regierung zusätzliche Mittel für eine bereits überhitzte Konjunktur bereitgestellt“, sagt Graham. „Auch wenn die Anreizmaßnahmen dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens unterliegen, wird das Maßnahmenpaket voraussichtlich der Konjunktur einen Schub verleihen, wenn die Lockdowns enden.“

„Auf kurze Sicht wird die Wirtschaft die Ideologie dominieren. Der Vizepremier von Präsident Xi und der Premierminister werden wahrscheinlich anlässlich der 20. Parteikonferenz zurücktreten. Dies ermöglicht der chinesischen Führung, sich von zweifelhaften politischen Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus in jüngerer Zeit zu distanzieren.“

China ist nach wie vor ein Anlagekandidat

Das bedeutet, dass sich China weiterhin eine Anlagechance darstellt, insbesondere da die Rohstoffnachfrage weiterhin entscheidend dafür ist, den Status des Landes als Fabrik der Welt zu wahren.

„Wir sind nach wie vor der Auffassung, dass China ein Anlagekandidat ist, entweder auf indirekte Weise via Rohstofflieferanten in Lateinamerika und Asien oder direkt in Form chinesischer Unternehmen“, sagt Graham. „Aus unserer Sicht unterstellen die Bewertungen dieser Rohstofflieferanten einen wesentlich besseren Ausblick für die chinesische Konjunktur – tatsächlich blieben die Fabriken während der Lockdowns in Betrieb.“

„Die Verbraucher werden voraussichtlich ihre erzwungene Zurückhaltung beenden und sich mit Mehrausgaben belohnen. Dies dürfte Internet- und Konsumaktien mit Ausrichtung auf die Binnennachfrage dabei unterstützen, sich von ihren historisch niedrigen Bewertungsniveaus zu erholen.“

„Allgemein beobachten wir einen global in unterschiedlichen Stadien befindlichen Konjunkturzyklus. Im Zuge der Wiedereröffnung der chinesischen Volkswirtschaft sollte die Weltwirtschaft dadurch eine Wachstumsspritze erhalten. Hiervon dürften wenig nachgefragte Vermögenswerte profitieren, deren Bewertungen derzeit noch eine zu pessimistische Perspektive unterstellen.“

Signalisiert das US-Hochzinssegment eine Rezession?

Ein weiteres, doch damit in Zusammenhang stehendes Feld, welches die Anleger beobachten, ist der US-Markt für Hochzinsanleihen. Dabei handelt es sich um das einzige Anlagesegment von Bedeutung, in dem es in den letzten zwölf Monaten zu Nettomittelabflüssen gekommen ist. Hochzinsanleihen werden von Unternehmen emittiert, deren Bonitätsratings im Bereich unterhalb Investment Grade liegt, da ihr Geschäft riskanter ist und sie deshalb bei einer Rezession ausfallgefährdeter sind.

„Jüngst veröffentlichte gesamtwirtschaftliche Daten in entwickelten Volkswirtschaften deuten darauf hin, dass sich das Wachstum verlangsamt und dass die Inflationssorgen sich in Wachstumssorgen verwandeln. Deshalb beobachten wir den US-Hochzinsmarkt mit Interesse“, sagt Graham.

„Die historische Analyse liefert gute Gründe dafür, dass die Sorgen berechtigt sind, dass der US-Notenbank keine sanfte Landung der Konjunktur gelingt. Angesichts des derzeitigen Niveaus der Inflation und der Arbeitslosigkeit sympathisieren wir in gewisser Weise mit dieser Einschätzung. Das Gegenargument besteht darin, dass die US-Notenbank über Spielraum verfügt, die ausgeprägte Arbeitskräfteknappheit abzuschwächen. Ein leichter Anstieg der Arbeitslosigkeit könnte positiv zu einer Verlängerung des Konjunkturzyklus beitragen, da die Notenbank dann eine Pause bei den Zinserhöhungen einlegen kann.“

Ein stark zyklisch geprägter Markt

Ein potentielles Problem besteht darin, dass Hersteller zyklischer Konsumgüter mittlerweile den größten Teil des Hochzinsmarkts ausmachen. Auf sie entfallen 20 % der Emittenten, während der Anteil des Energiesektors weiterhin rund 14 % beträgt.

„Demnach ist der Hochzinsmarkt nach wie vor stark zyklisch geprägt. Von daher wird das Beschäftigungsniveau und die Höhe der Konsumausgaben dort ein maßgeblicher Faktor sein“, sagt Graham. „Außerhalb einer Rezession erscheinen die derzeitigen Renditeniveaus am Hochzinsmarkt attraktiv und die Wachstumssorgen scheinen in den Bewertungen berücksichtigt zu sein. Im Hinblick auf unser zentrales Anlageszenario befinden sich die Verbraucher und die Unternehmen in guter finanzieller Verfassung.“

„Die in früheren Rezession an den üblichen Stellen zu beobachtenden Übertreibungen fehlen (vielleicht mit Ausnahme der Staatshaushalte). Aus diesem Grund sehen wir auf Sicht von zwölf Monaten kein erhöhtes Rezessionsrisiko. Unseres Erachtens sind die Risiken bei Hochzinsanleihen eher symmetrisch verteilt, während die Spreads am Markt stärker auf eine Rezession hindeuten. Die Ausfallrisiken sind nach wie vor niedrig und die US-Notenbank wird im späteren Verlauf dieses Jahres voraussichtlich eine Pause bei ihren Zinserhöhungen einlegen. Deshalb sind wir vorerst nicht übermäßig in Sorge.“

Weitere Artikel zu diesem Thema
Logo

Disclaimer

Ich bestätige ein professioneller Kunde zu sein.

Die Informationen auf der nachfolgenden Website der Robeco Deutschland, Zweigniederlassung der Robeco Institutional Asset Management B.V., richten sich ausschließlich an professionelle Kunden im Sinne von § 67 Abs. 2 (WpHG) wie beispielsweise Versicherungen, Banken und Sparkassen. Die auf dieser Website dargestellten Informationen sind NICHT für Privatanleger bestimmt und entsprechen nicht den für Privatanleger maßgeblichen gesetzlichen Bestimmungen.

Wenn Sie kein professioneller Kunde sind, werden Sie auf die Privatkundenseite weitergeleitet.

Nicht Zustimmen