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SI Opener: Coronavirus-Krise rückt Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie ins Rampenlicht

SI Opener: Coronavirus-Krise rückt Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie ins Rampenlicht

26-11-2020 | SI Opener
Die Modebranche hat aufgrund ihrer Konjunkturabhängigkeit stark unter der Coronavirus-Krise gelitten. Davon betroffen sind nicht nur die Bekleidungsmarken selbst, sondern auch ihre Zulieferer. Die durchschnittliche Börsenkapitalisierung des Sektors fiel im ersten Quartal dieses Jahres um fast 40 % und damit wesentlich stärker als die des Aktienmarkts insgesamt. Die Epidemie hat den Blick der Anleger darauf gelenkt, wie die Unternehmen ihre Mitarbeiter, Kunden und Zulieferer behandeln. 1
  • Masja Zandbergen - Albers
    Masja
    Zandbergen - Albers
    Head of sustainability Integration
  • Laura Bosch Ferreté
    Laura
    Bosch Ferreté
    Engagement specialist

In aller Kürze

  • Etliche Hersteller wurden nicht für in Produktion befindliche oder bereits erledigte Aufträge bezahlt
  • Dialog mit den Unternehmen strebt an, beim Lieferketten-Management den Fokus auf die Arbeitsbedingungen zu legen
  • Zu den Herausforderungen gehören die Verfügbarkeit von Informationen und das Aufbauen langfristiger Beziehungen zu Zulieferern

Auswirkungen der Coronavirus-Krise aus Investment-Perspektive

Im Rahmen unseres Investment-Research legen wir den Fokus auf die Analyse der jeweils relevantesten Aspekte in jeder Branche. Im Bekleidungssegment haben wir festgestellt, dass die Arbeitsbedingungen und das Lieferketten-Management zwei der sechs wesentlichsten Probleme sind.

Grad der Auswirkungen vs. ihre Wahrscheinlichkeit in der Bekleidungsbranche Quelle: Robeco SI Research

Unternehmen im Bekleidungs- und Textilsektor betreiben und kontrollieren ihre Fabriken zwar mitunter selbst; oft lagern sie aber die Zuständigkeit dafür teilweise an ein Netzwerk aus Zulieferern aus. Die Anbieter mit eigener Produktion sind direkt dafür verantwortlich, ein sicheres Arbeitsumfeld zu bieten und müssen die Arbeits- und Menschenrechte beachten.

Bei der Auslagerung der Produktion finden die Unternehmen typischerweise Zulieferer in Ländern mit den niedrigsten direkten Kosten. Dort gibt es auch nur in begrenztem Umfang eine Regulierung und staatlichen Schutz der Arbeitnehmer. Die Zulieferer sind häufig von der auftraggebenden Bekleidungsfirma abhängig und müssen sich an Preisdruck anpassen. Beide Faktoren erhöhen das Risiko einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Die Löhne, die an Arbeitnehmer bei Zulieferern gezahlt werden, liegen häufig deutlich unter den geschätzten Lebenshaltungskosten, sodass die Beschäftigten zu oft an der Armutsgrenze leben.

Um widerstandsfähige und wettbewerbsfähige Lieferketten zu schaffen, müssen Hersteller von Bekleidung, Accessoires, Luxusgütern, Fußbekleidung und Textilien wirtschaftliche Notwendigkeiten wie Qualität, Kosten und Lieferzeiten in eine Balance mit allgemeinen Aspekten wie Umweltauswirkungen, sozialen Belangen und Geschäftspraktiken bringen. Unternehmen, die entsprechende Leitlinien effektiv umsetzen, können ihre Reputationsrisiken und operationellen Risiken sowie die Gefahr regulatorischer Überprüfungen deutlich senken.

Firmen mit transparenten Lieferketten werden die soziale Akzeptanz ihrer Geschäftstätigkeit erhöhen und ihr Markenimage stärken. Die Durchführung wirksamer Due Diligence-Prüfungen in der Lieferkette sind von entscheidender Bedeutung für die Identifikation hochriskanter Bereiche, in denen Probleme in Bezug auf die Arbeitsbedingungen auftreten können. Auf eine entsprechende Analyse sollten konkrete Schritte zur Prävention und Abmilderung dieser Probleme folgen, einschließlich einer laufenden Messung der Effektivität der Maßnahmen.

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Auswirkungen der Coronavirus-Krise aus sozialer Sicht

Etliche Bekleidungsmarken und -einzelhändler stornierten oder verschoben Aufträge, als die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus weltweit zu Ladenschließungen führten und die Erträge drastisch schrumpfen ließen. Die Fabriken in den Herstellerländern sehen sich mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert, was die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs bei einem Rückgang des Ordervolumens angeht. In Bangladesch, dem zweitgrößten Bekleidungsexporteur der Welt, gingen den Herstellern mehr als 2,7 Milliarden € an Zahlungen für Aufträge verloren, die entweder bereits ausgeführt oder veranlasst worden waren.

Die Arbeitnehmer in den Niedrigkostenländern sind am härtesten getroffen worden, da es dort keine ausreichenden sozialen Systeme gibt. Sie sind einem größeren Risiko plötzlichen Arbeitsplatzverlustes, ausbleibender Abfindungen und inadäquater Sozial- und Krankenversicherung ausgesetzt.

Problembewältigung durch gezieltes Engagement

Unser Engagement in der Bekleidungsbranche erfolgt in Kooperation mit anderen Finanzinstitutionen via Platform Living Wage Financials (PLWF).2 Die Plattform stellt eine Allianz aus 15 überwiegend niederländischen Finanzinstitutionen mit einem verwalteten Vermögen von 2,6 Billionen Euro dar und zielt auf die Verbesserung der Bedingungen in der Bekleidungsproduktion ab, die sich stark auf Niedriglöhner stützt. Diese Plattform besteht bereits seit einigen Jahren und hat sich in der Coronavirus-Pandemie bewährt.

Beispielsweise haben wir in der ersten Jahreshälfte den Unternehmen in unseren Portfolios einen Brief mit der Bitte geschickt, ihre Lieferketten während der Coronavirus-Krise verantwortungsbewusst zu managen. Im Mittelpunkt unserer Anforderungen standen die Zielsetzungen wirtschaftlich umsichtigen Handelns, Gewährleistung sicherer Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter und Schutz der Arbeitnehmerrechte in der Lieferkette. Wir forderten die Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, dazu auf, sich branchenweiten Initiativen unter Einbeziehung mehrerer Gruppen anzuschließen, um Lösungen für diese Herausforderungen zu finden.

Außerdem hat die International Labor Organization einen Aufruf zum Handeln im Bekleidungssektor gestartet.3 Globale Marken, Hersteller, Gewerkschaften und andere beteiligte Gruppen können das entsprechende Statement unterstützen, das zum Ziel hat, Herstellern das Überleben angesichts des Konjunktureinbruchs während der Pandemie zu ermöglichen sowie die Einkommen, die Gesundheit und die Beschäftigung der Arbeitnehmer im Bekleidungssektor zu schützen. Die PLWF hat sich dieser Initiative zusammen mit mehr als 100 Stakeholdern offiziell angeschlossen.

Zentrale Erkenntnisse aus unserer jährlichen Analyse zum Existenzminimum

Ein wesentliches Element unseres Engagements im Rahmen der PLWF stellt eine jährliche Analyse dar, inwieweit die Unternehmen in unseren Portfolios auf die Zahlung existenzsichernde Löhne in ihren Lieferketten hinwirken. Die Mitglieder der „Garment and Footwear“-Arbeitsgruppe, die von Robeco geleitet wird, hat die Analyse von 29 Unternehmen abgeschlossen und die Ergebnisse auf der folgenden Website veröffentlicht.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass es insgesamt Fortschritte dabei gegeben hat, die Relevanz existenzsichernde Löhne innerhalb der Branche im Bewusstsein zu verankern. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die Lücke zwischen den Absichtserklärungen der Marken und ihrem tatsächlichen Handeln in der Praxis zu schließen. Trotz allgemeiner Einsicht in die Notwendigkeit zur Zahlung existenzsichernder Löhne verfügt keines der untersuchten Unternehmen über ausreichende Prozesse zur Sicherstellung der vollständigen Bezahlung existenzsichernder Löhne im Rahmen ihrer eigenen operativen Tätigkeit und der Lieferkette.

Die Untersuchungsergebnisse und Informationen, die wir im Rahmen unseres Engagements im Hinblick auf arbeits- und lieferkettenbezogene Aspekte gewonnen haben, fließen im Bekleidung- und Einzelhandelssektor in unseren Prozess zur Anlageentscheidung ein, da wir diese als wesentlich erachten.

Ein Beispiel dafür liefert der Fall eines großen Heimwerker-Einzelhändlers. Die Diskussion über Arbeitspraktiken im Rahmen der operativen Tätigkeit des Unternehmens war für den Portfoliomanager der RobecoSAM Gender Equality Strategy von Bedeutung. Die Coronavirus-Krise hat sich auf die Umsätze des Unternehmens positiv ausgewirkt. Diese stiegen beträchtlich an, da die Leute mehr Zeit mit Renovierungsarbeiten an ihren Häusern verbracht haben. Allerdings verfügt das Unternehmen über eine große Zahl von Mitarbeitern in seinen Filialen, darunter viele eingewanderte Arbeitnehmer und Frauen, bei denen es zu häufigen Wechseln kommt. Wir erörterten mit dem Unternehmen, wie es seine Belegschaft so managen kann, dass gleiche Chancen für Mitarbeiter in unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen sichergestellt sind – ein wichtiges Element des RobecoSAM Gender Equality Score.

Ein anderes Beispiel ist unser Dialog mit zwei Bekleidungsfirmen, die im Rahmen unserer Consumer Trends-Strategien wichtige Positionen darstellen. Beide Unternehmen verkörpern in ihren Geschäftssegmenten (Sportbekleidung/Luxusgütern) bestmögliche Praktiken. Dies wirkte sich bei der Berücksichtigung von ESG-Aspekten im Rahmen der Investment-Analyse positiv aus und lieferte zusätzliche Argumente für die Einbeziehung der Firmen in das Portfolio.

Unternehmen müssen von Absichtserklärungen zu tatsächlichen Verbesserungen gelangen

Auch wenn eine zunehmende Bereitschaft in dem Sektor zur Lösung dieser Probleme zu beobachten ist, bestehen bei der Umsetzung noch Lücken. So sind einige Herausforderungen zu bewältigen, was die Lieferketten im Bekleidungssegment und die Zahlung existenzsichernder Löhne angeht. Zunächst gilt es, die Verfügbarkeit von Informationen zu verbessern, sodass die Unternehmen besser imstande sind zu erfassen, welche Löhne von ihren Zulieferern gezahlt werden und wie diese sich zum Existenzminimum verhalten.

Wichtig ist des Weiteren, dass sich die Marken zu nachhaltigeren Praktiken bereiterklären, indem sie langfristige Beziehungen zu ihren Zulieferern aufbauen, was ihnen einen besseren Nachweis der Arbeitskosten bei der Auftragsvergabe ermöglicht. Außerdem sollte es einen Sozialdialog geben, um Koalitionsfreiheit und Tarifverhandlungen zu gewährleisten, womit echte Verbesserungen bei der Zahlung bewirkt werden können. Dies verweist auf die Bedeutung branchenweiter Kooperationen nicht nur mit Marken, Herstellern und Mitarbeitern, sondern auch mit Regierungen und anderen Stakeholdern, die gemeinsam dazu beitragen können, den erforderlichen Systemwandel in der Branche zu beschleunigen.

Nicht zuletzt ist es notwendig, auch die übrige Bekleidungsbranche mit einzubeziehen. Gesetzliche Änderungen im Hinblick auf eine zwingende Due Diligence-Prüfung in punkto Menschenrechte können am Ende wirksam zur Aufbau einer widerstandsfähigeren Lieferkette beitragen. Wir registrieren einige vielversprechende Signale bei der niederländischen Regierung, die dem Parlament einen entsprechenden Vorschlag vorlegen will, und hoffen, dass sich dem andere Länder anschließen.

1 McKinsey: The state of fashion 2020: Coronavirus update
2 Für weitere Informationen zur Platform Living Wage Financials siehe hier: https://www.livingwage.nl/
3https://www.ilo.org/global/topics/coronavirus/sectoral/WCMS_742343/lang--en/index.htm

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