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Pandemie setzt Abkopplungsprozess unter den Schwellenländern in Gang

Pandemie setzt Abkopplungsprozess unter den Schwellenländern in Gang

11-06-2020 | Einblicke
China, Taiwan und Südkorea sind auf dem Weg zur Normalisierung am weitesten vorangekommen.
  • Fabiana Fedeli
    Fabiana
    Fedeli
    Global Head of Fundamental Equities

Seit Jahren reden wir von der Abkopplung der Schwellenländer von den Industrieländern. Doch Covid-19 zeigt, dass unsere Argumentationsweise möglicherweise verkehrt ist. Bevor sie sich von den Industrieländern abkoppeln, müssen sich die Schwellenländer zuerst voneinander abkoppeln.

Obwohl oft betont wird, dass die Schwellenländer keine homogene Anlageklasse bilden, werden sie dennoch oft zu einer solchen zusammengefasst – von China bis Argentinien. Doch die Pandemie zeigt uns, dass sich die Schwellenländer meilenweit voneinander entfernt haben – unabhängig davon, mit welchem Etikett wir sie versehen. Eine besonders große Kluft ist zwischen Nordasien und den übrigen Schwellenländern sichtbar.

Wie einzelne Länder mit der Pandemie umgegangen sind, sie eingedämmt haben und jetzt allmählich überwinden, entscheidet über ihre gesamtwirtschaftlichen Aussichten und letztlich auch über die Performance ihrer Finanzmärkte. China, Taiwan und – für diejenigen unter uns, die dieses Land immer noch zu den Schwellenländern zählen – Südkorea sind im Kampf gegen die Pandemie offenbar effektiver und auf dem Weg zu gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Normalisierung weiter vorangekommen.

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich Länder, deren politische Führung langsam und ineffektiv reagiert hat (wie in Brasilien und Mexiko), deren gesellschaftliche Dynamik es sehr schwierig macht, die Ausbreitung des Virus einzudämmen (wie in Indien), oder deren Staatsfinanzen den Handlungsspielraum der Regierung begrenzen (wie in Südafrika). Die Covid-19-Fallzahlen sind in diesen Ländern immer noch hoch, und sie werden wahrscheinlich länger unter den Folgen der Pandemie zu leiden haben.

Neben den tragischen humanitären Auswirkungen hat die Krise drei bedeutende wirtschaftliche Schwachstellen der Schwellenländer offenbart. Erstens ihre Kreditwürdigkeit, da das Kreditausfallrisiko auf Staats- wie auch auf Unternehmensebene zunimmt. Zweitens die erheblichen Belastungen der Staatshaushalte infolge der Bemühungen der Regierungen, die Wirtschaft zu stimulieren und Unternehmen und Privathaushalten zu helfen. Drittens die Anfälligkeit dieser Länder für den Rückgang der weltweiten Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Dies wirkt sich nicht nur auf den Export und den Tourismus aus, sondern auch auf Überweisungen von im Ausland arbeitenden Staatsangehörigen in ihre Heimatländer. Es gibt allerdings beträchtliche Unterschiede, inwieweit einzelne Länder diesen Risiken ausgesetzt sind und auf lange Sicht ausgesetzt sein werden.

Als Indikator für die Kreditwürdigkeit eignet sich das Verhältnis von Bruttoauslandsverschuldung zu Devisenreserven. Für Südafrika beträgt dieses über 300 Prozent, für Mexiko knapp 240 Prozent. In Taiwan liegt diese Quote bei knapp über 40 Prozent, in China bei unter 70 Prozent und in Südkorea bei ca. 120 Prozent.

In Bezug auf die Staatshaushalte dürften die Defizite in Südafrika, Brasilien und Indien in diesem Jahr 11-12 Prozent vom BIP erreichen. Für Taiwan und Südkorea erwarten die Märkte dagegen ein Haushaltsdefizit von lediglich 1,3 Prozent bzw. 3,2 Prozent. China ist hier der Ausreißer; denn das vor kurzem bekannt gegebene Konjunkturpaket dürfte das Haushaltsdefizit auf ca. 15 Prozent ansteigen lassen. Allerdings kann die Regierung des Landes mit ihrer riesigen Staatsbilanz ein zweistelliges Haushaltsdefizit besser verkraften als Brasilien oder Südafrika – zumindest bis auf Weiteres.

Die Solidität der Staatsfinanzen ist nicht nur für die gesamtwirtschaftlichen Aussichten eines Landes von Belang. Sie dürfte sich längerfristig auch auf unsere Anlagerenditen auswirken. Regierungen, die knapp bei Kasse sind, werden nach Wegen suchen, um ihre Finanzlage wieder zu verbessern. Unternehmen in Sektoren mit regulierten Renditen oder niedrigen Steuersätzen sind hier nur der Anfang. Den in den Schwellenländern ohnehin schon hohen regulatorischen Risiken aus dem Weg zu gehen, gleicht dann Kästchenhüpfen in einem Minenfeld.

China, Südkorea und Taiwan sind nicht immun gegen die weltweiten Folgen der Pandemie. Lieferketten auf der ganzen Welt dürften weiter unterbrochen werden, da viele Länder wieder mehr im eigenen Land produzieren wollen und Unternehmen erkennen, dass sie durch die Abhängigkeit von einem – oft weit entfernten – Lieferanten erheblichen Risiken ausgesetzt sind. Davon wird vor allem China betroffen sein.

Darüber hinaus wird es wahrscheinlich nur eine langsame und ungleichmäßige Rückkehr zu den vor Covid-19 herrschenden Konsumgewohnheiten geben – zumindest bis ein Impfstoff auf breiter Basis verfügbar sein wird. Dies wirkt sich vor allem in Dienstleistungsbereichen wie der Freizeit- und Reisebranche auf die Binnennachfrage aus, was durch die anhaltend schwachen Daten zum Verkehrsaufkommen und zur Hotelbelegung in China deutlich wird. China wird zudem unter zunehmenden Spannungen im Verhältnis zu den USA zu leiden haben, die bis zu den Wahlen im November noch zunehmen dürften.

Natürlich sollte man sich vor Verallgemeinerungen hüten. Angesichts der derzeitigen Polarisierung mit Blick auf die Performance der Finanzmärkte und die Bewertungskennzahlen finden sich in vielen Schwellenländern und nicht nur in Nordasien Gelegenheiten, Überschussrenditen zu erzielen. Es geht aber nicht mehr um die Gesamtheit der Schwellenländer versus Industrieländer. Man sollte jedes Land für sich betrachten und nicht eine Anlageklasse. Die Abkopplung hat gerade erst begonnen.

This article was first published in the Financial Times.
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