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„‚Factor Investing’ wird eine Revolution in Gang setzen”

„‚Factor Investing’ wird eine Revolution in Gang setzen”

06-02-2014 | Interview

Wir stehen im Asset Management kurz vor einer Revolution, die durch „Factor Investing” ausgelöst werden wird, sagt Professor Andrew Ang. Die Verwendung von faktorbasierten Benchmarks zur Beurteilung von Investmentmanagern wird maßgeblich zu dieser Veränderung beitragen.

Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit von Professor Andrew Ang steht das Zusammenspiel von Risiko und Rendite bei den Preisen von Vermögenswerten. Ang, der als Professor an der Columbia Business School lehrt, war Hauptredner auf dem von Robeco veranstalteten „Factor Investing Seminar”. Nach seiner Rede vor ca. 100 professionellen Anlegern nutzten wir die Gelegenheit, um persönlich mit ihm zu sprechen.

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Wie würden Sie „Factor Investing” definieren?

„Factor Investing” ist ein Investmentstil, mit dem langfristig Geld verdient werden soll. Es beinhaltet die Ausnutzung einer langfristigen Risikoprämie. „Factor Investing” ist mit Risiken verbunden, sodass es manchmal kurzfristige Verluste geben wird.

Einige Faktoren, um die es hier geht, sind sehr einfache, weithin bekannte Faktoren, die sich auf Aktien und Anleihen beziehen. Dies sind die zusätzlichen Renditen, die man mit Geldanlagen in diesen Märkten erzielen kann. Andere Faktoren sind komplexer und dynamischer wie z. B. „value”, „growth”, Momentum, Volatilität, Bonität und Duration.

Bei „Factor Investing” geht es darum, strategische Entscheidungen zu treffen: Wodurch werden die Renditen bestimmt? Es kann aber auch Möglichkeiten zur Diversifizierung oder zur Generierung von Alpha gegenüber traditionellen, marktgewichteten Benchmarks bieten.

So wie man – wenn man „richtig essen” will – nicht nur den Verpackungsaufdruck lesen, sondern sich auch mit dem Nährstoffgehalt auseinandersetzen muss, ist es bei „richtigem Investieren” unverzichtbar, sich nicht nur die Etiketten auf den Anlageklassen anzusehen, sondern auch die zugrundeliegenden Risikofaktoren zu beachten. Bei Lebensmitteln sind es die Nährstoffe, die zählen. Und bei Kapitalanlagen sind es die Faktoren und nicht die Etiketten auf den Anlageklassen.

Um bei dem Vergleich mit Lebensmitteln zu bleiben: Einem Säugling würde man nicht dieselben Empfehlungen zu Nährstoffen geben wie einem Erwachsenen. Und so gibt es auch keine optimale Mischung für eine Allokation nach Faktoren – alles ist von den Präferenzen eines Anlegers abhängig.

Sie haben im Zusammenhang mit „Factor Investing” von einer Revolution gesprochen, aber wir reden hier von einem langsamen Prozess. Handelt es sich nicht eher um eine Evolution?

Tatsächlich hat „Factor Investing” bereits zwei Revolutionen in Gang gesetzt. Die erste Revolution im Investmentmanagement bei der Ausnutzung von Faktoren gab es, als in den 1970er Jahren die ersten Indexfonds aufgelegt wurden. Diese erste Revolution vollzog sich sehr langsam. Jetzt stehen wir kurz vor einer zweiten Revolution, die sich auf dynamische Faktoren bezieht.

Die zweite Revolution ist kompliziert, aber die erste im Zusammenhang mit der Einführung von Marktindexfonds war ebenfalls komplex. Denken Sie nur an die sich ständig ändernden Kurse der zugrunde liegenden Wertpapiere. Aus heutiger Sicht mag dies trivial erscheinen, aber diejenigen, die diese Fonds auf den Markt brachten, sahen das sicherlich anders.

Und auch die zweite Revolution wird ihre Zeit brauchen. Das hängt damit zusammen, wie die Menschen denken und wie die Branche strukturiert ist. Es ist schwierig, die Menschen zu Änderungen zu bewegen.

Was ist die größte Herausforderung in Bezug auf „Factor Investing”?

Die größte Herausforderung liegt in der Denkweise der Anleger. Organisatorische Aspekte spielen ebenfalls eine große Rolle. Wohin gehört „Factor Investing” in einem Unternehmen? Wir brauchen Strukturen um sicherzustellen, dass wir den Kurs halten können; denn die Sache mit den Faktoren wird nicht immer funktionieren. Manchmal wird es Ausfälle geben, und manchmal werden nervöse Anleger zum völlig falschen Zeitpunkt aussteigen. „Factor Investing” erfordert Beharrlichkeit und Wissen.

Das Portfoliomanagement ist nicht die größte Herausforderung. Natürlich kann man ein faktorbasiertes Portfolio auf unterschiedliche Art und Weise managen; am meisten zählt aber der Wille, ein solches Portfolio zu managen. Es gibt bereits Vermögensverwaltungsgesellschaften, die in der Lage sind, mit „Factor Investing” entsprechende Ergebnisse zu erzielen.

„Die Sache mit den Faktoren wird nicht immer funktionieren”

Wie sehen Sie „Factor Investing” in der Diskussion über aktives im Gegensatz zu passivem Investmentmanagement?

Diese Diskussion ist verfehlt. Alles ist aktiv. Selbst, wenn man nur den Aktienanteil seines Portfolios oder den Zeitabstand für dessen Wiederausrichtung festlegt, trifft man aktive Entscheidungen.

Was sagen Sie zu der Diskussion über die Verwaltungsgebühren?

Man sollte nie für etwas zu viel bezahlen, was man anderswo günstiger bekommen kann. Die Kostendiskussion steht im Zusammenhang mit der Verwendung von faktorbasierten Benchmarks bei der Beurteilung von Investmentmanagern. Wir brauchen Transparenz über die zugrunde liegenden Faktoren, die die Performance bestimmen. Welcher Anteil der von einem Investmentmanager erzielten Performance entfällt auf Alpha, und wie viel ist auf faktorbasierte Engagements zurückzuführen?

Leider nehmen Anleger keine ausreichend gründliche Beurteilung vor. Denken Sie z. B. an Hedgefonds: Die Anleger messen die Performance dieser Fonds nicht mit Hilfe faktorbasierter Benchmarks. Das sollten Sie aber! Warum sollte man 2 Prozent Verwaltungsgebühr und 20% erfolgsabhängige Vergütung für etwas bezahlen, das man auch kostenlos bekommen kann? Wenn man eine gründliche Beurteilung vornimmt, bezahlt man auch nur, wenn dies gerechtfertigt ist.

Außer zur Beurteilung der Performance kann man faktorbasierte Benchmarks auch für strategische Entscheidungen über die Allokation verwenden. Die Festlegung auf bestimmte faktorbasierte Benchmarks – die sich genauso unterscheiden wie Benchmarks für Long-only-Aktienfonds – ist eine aktive Entscheidung.

Faktorbasierte Benchmarks können auch verwendet werden, um einen aktiven Portfoliomanager davon abzuhalten, dass er zu stark von den Vorgaben abweicht. Für den Anleger stellen diese Benchmarks ein optimales Engagement in Bezug auf Risikoprämien dar.

„Wir brauchen Transparenz über die zugrunde liegenden Faktoren”

Wird „Factor Investing” zum Standard?

Ähnlich wie Indexfonds wird sich „Factor Investing” zu einem breit angelegten Trend entwickeln. Das zeichnet sich allerdings bisher noch nicht ab. Und selbst wenn ein solcher Trend entsteht, wird zunächst nur eine Minderheit der Anleger bereit sein, diesem zu folgen.

Das Capital-Asset-Pricing-Modell wurde bereits in den 1950er und 1960er Jahren angewandt. Zum Standard für Anleger entwickelte es sich jedoch erst ab den 1990er Jahren und bis ins 21. Jahrhundert hinein (d. h., seit 30-40 Jahren). Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema „Factor Investing” wurden gegen Ende der 1970er Jahre veröffentlicht. In den 1980er und 1990er wurden dann zahlreiche empirische Studien durchgeführt. Seitdem sind erst 20 Jahre vergangen. Bestimmte Entwicklungen brauchen eben sehr viel Zeit.

Welche Aspekte des „Factor Investing” müssen noch eingehender erforscht werden?

Die eigentliche Herausforderung in der Forschung liegt in illiquiden Märkten wie z. B. dem Private Equity-, Infrastruktur- und Immobilienmarkt. Wie kann man die betreffenden faktorbasierten Engagements abtrennen und messen? Wie misst man die Renditen? Können wir diesen Bereich weniger undurchsichtig machen? Das sind die großen Fragen, die wir uns stellen sollten.

In einigen aktuelleren Studien habe ich mich gezielt mit diesem Thema befasst. Es wäre von enormem Vorteil für die Anleger, wenn wir an diesen Märkten allgemein zugängliche Benchmarks einführen könnten. Die gibt es aber noch nicht.

Durch die Studie für den für Norwegen erstellten Bericht über den Staatsfonds des Landes, den Sie mit verfasst haben, wurde „Factor Investing” auf die Tagesordnung von professionellen Anlegern in den Niederlanden gesetzt. Hatten Sie damit gerechnet?

Nein, das war ein Auftrag für die Regierung. Es freut mich zu hören, dass der Bericht Wirkung gezeigt hat. Was den Stellenwert von aktivem Fondsmanagement angeht, ist Norwegen damit sehr transparent umgegangen und hat so der Gesamtheit der Anleger einen großen Dienst erwiesen.

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