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„Wir betrachten aktive Einflussnahme als eine Möglichkeit für Anleger, mit ihrer Strategie zusätzliche positive Wirkungen zu erreichen“

„Wir betrachten aktive Einflussnahme als eine Möglichkeit für Anleger, mit ihrer Strategie zusätzliche positive Wirkungen zu erreichen“

02-05-2022 | Interview

Antonia Sariyska arbeitet im Sustainable and Impact Investing-Team im Chief Investment Office von UBS Global Wealth Management. Ihr Team erstellt portfolio- und anlageklassenbezogene Rahmenkonzepte und Leitlinien, die für das Angebot an nachhaltigen und wirkungsorientierten Kapitalanlagen für die Privatkunden des Unternehmens auf der ganzen Welt maßgeblich sind. Wir haben mit ihr gesprochen, um ihre Meinung zu verschiedenen Themen zu hören, die Anleger, die über eine Kapitalanlage im Rahmen einer auf aktive Einflussnahme ausgerichteten Strategie nachdenken, in Betracht ziehen könnten.

  • Peter van Kleef
    Peter
    van Kleef
    Chief Editor

Wie ist Ihre Auffassung zu aktiver Einflussnahme im Rahmen einer breiter angelegten nachhaltigen Anlagestrategie?

Wir sind seit langem der Meinung, dass der Ausschluss von Unternehmen ein Portfolio mit den Werten seiner Anleger in Einklang bringen kann, aber nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Geschäftspraktiken von Unternehmen führt. Wir halten es für besser, in diese Unternehmen zu investieren und Einfluss auf sie zu nehmen und aufbauend auf ihren Ressourcen und Fähigkeiten bedeutsame Veränderungen für die reale Welt zu bewirken. Wir betrachten aktive Einflussnahme als eine Möglichkeit für Anleger, mit ihrer Strategie zusätzliche positive Wirkungen zu erreichen, wobei die ökologischen und sozialen Ergebnisse gemessen und überprüft werden können.

Was ist das vorrangige Ziel einer auf aktive Einflussnahme ausgerichteten Strategie: hohe Anlagerenditen oder eine Verbesserung der Verhaltensweisen von Unternehmen?

Wir bei UBS sind der Meinung, dass beide Ziele Hand in Hand gehen sollten. Wenn Sie bei bedeutenden Themen Einfluss auf Unternehmen nehmen, sollte dies finanzielle Vorteile und eine bessere Performance einbringen. Ausschlaggebend ist hier das Wort „bedeutend“ oder – wie wir oft sagen – „wesentlich“. Wesentlich sind Themen, die sich auf die Geschäftsmodelle von Unternehmen und möglicherweise ihre ganze Branche auswirken können. Deshalb erwarten wir neben ökologischen und sozialen Ergebnissen auch eine gute finanzielle Performance.

Können Privatanleger auf dieselbe Weise Veränderungen bewirken wie Institutionen?

Privatanleger glauben oft, dass es für sie schwieriger ist, einen sinnvollen Beitrag zu leisten als für eine Institution, weil sie weniger Einfluss haben. Einzeln verfügen sie über weniger Kapital als z. B. eine Pensionskasse und über weniger oder gar keine Ressourcen, um persönlich mit Unternehmen sprechen zu können. Die Auswahl einer auf aktive Einflussnahme ausgerichteten Strategie innerhalb eines Portfolios ermöglicht es privaten Anlegern, ihr Kapital einzusetzen, um positive Veränderungen zu bewirken, auch wenn dies nicht direkt, sondern über einen Fondsmanager geschieht. Durch Bündelung ihres Kapitals können Privatanleger aber ebenso großen oder sogar noch größeren Einfluss ausüben als Institutionen, um positive Veränderungen herbeizuführen.

Was ist der größte Vorteil einer klar auf aktive Einflussnahme ausgerichteten Strategie?

Erstens bietet eine solche Strategie aus der Sicht von Privatanlegern die Möglichkeit, zu ökologischem und sozialem Wandel beizutragen, indem sie Kapital einsetzt, um durch aktive Einflussnahme über den Fondsmanager positive Veränderungen herbeizuführen.

Zweitens kann sie Diversifizierungsvorteile bieten. Immer mehr Privatanleger wollen ihr gesamtes Kapital nachhaltig anlegen. Das klingt vielleicht einfach, verlangt aber von ihnen, dass sie Nachhaltigkeit im Kontext eines Portfolios betrachten und dabei Aspekte wie Diversifizierung, Positionierung in Bezug auf Faktoren und Anforderungen hinsichtlich Risiken und Renditen berücksichtigen. Auf aktive Einflussnahme ausgerichtete Strategien sind in der Regel auf Unternehmen fokussiert, die man nicht unbedingt als nachhaltig ansehen würde, wie z. B. Industrie- oder Grundstoffunternehmen. Diese müssen umgestaltet werden, weil sie für unsere Volkswirtschaften wichtig sind, oft ressourcenintensiv arbeiten und sich ändern müssen, damit wir Fortschritte machen können. Wir können sie nicht einfach zurücklassen. Diese Unternehmen besitzen wahrscheinlich das größte Veränderungspotenzial, und das ist es, was viele auf Nachhaltigkeit fokussierte Anleger suchen. Indem eine auf aktive Einflussnahme ausgerichtete Strategie in Unternehmen investiert, die bei eher standardmäßigen herausragenden ESG-Ansätzen nicht unbedingt berücksichtigt werden würden, kann sie eine differenzierte Positionierung nachhaltiger Portfolios ermöglichen.

Ähnlich verhält es sich auf der Anleiheseite: Auf aktive Einflussnahme ausgerichtete Strategien investieren im Allgemeinen in High-Yield-Anleihen, während andere nachhaltige Anleihestrategien in der Regel in das Investment-Grade-Qualitätssegment investieren.

Gibt es große Unterschiede, wie verschiedene Fondsmanager vorgehen, um aktiv Einfluss zu nehmen?

Ja und nein, wenn wir von unserer Erfahrung aus der Betrachtung des breiteren Marktes ausgehen. Ein gemeinsamer Nenner ist, dass Fondsmanager im Voraus festlegen, welche ökologischen oder sozialen Ziele sie durch ihre aktive Einflussnahme erreichen wollen. Normalerweise verfolgen sie eine Strategie, bei der Positionen langfristig gehalten werden. Um bedeutsame Ergebnisse zu erzielen, müssen oft zahlreiche Gespräche mit der Unternehmensleitung geführt werden, weshalb die betreffenden Fondsmanager Positionen in der Regel mehrere Jahre lang halten. Und sie legen mit Blick auf die Ergebnisse normalerweise Meilensteine fest und können ihre Strategie anpassen, wenn diese nicht erreicht werden.

Doch es gibt einige Unterschiede. Manche aktiv Einfluss nehmende Fondsmanager ziehen es vor, dies bei kleinen und mittleren Unternehmen zu tun, insbesondere wenn sie im Alleingang handeln. Häufig sehen sie in diesem Segment bessere Möglichkeiten und haben das Gefühl, mehr Einfluss auf kleinere Unternehmen zu haben, die Nachhaltigkeit vielleicht noch nicht umfangreich in ihr Geschäftsmodell und ihren Geschäftsbetrieb integriert haben.

Andere Fondsmanager sehen bessere Möglichkeiten in der Zusammenarbeit mit Large-Cap- oder sogar Mega-Cap-Unternehmen, weil bei diesen Wirkungen in potenziell deutlich größerem Maße erzielt werden können. In diesen Fällen schließen sie sich im Allgemeinen mit anderen Asset Managern zusammen, die dieselben positiven Veränderungen anstreben. Wir beobachten eine aktive Einflussnahme in einem breiterem Spektrum von Unternehmen aller Größen, Sektoren und Regionen.

Was macht ein erfolgreiches Engagement aus?

Unserer Ansicht nach ist eine aktive Einflussnahme dann besonders wirkungsvoll, wenn sie zwei Aspekte berücksichtigt. Beim ersten geht es darum, wie wesentlich die betreffenden Themen für das Geschäftsmodell des Unternehmens sind. Wenn Sie beispielsweise mit einer Bank sprechen, ist es wahrscheinlich nicht so wichtig, über eine Verringerung des Wasserverbrauchs in ihren Gebäuden zu sprechen, auch wenn dies sicherlich ein ESG-Thema ist. Aktiv Einfluss nehmende Fondsmanager müssen in der Lage sein, für Unternehmen, Branchen und Regionen entscheidende Themen zu erkennen.

Der zweite Aspekt ist die Rolle des Unternehmens insgesamt. Eine besonders kraftvolle Einflussnahme haben wir bei Themen wie Gesundheit und Sicherheit in Unternehmen erlebt, die in einer bestimmten Region zu den großen Arbeitgebern gehört. Aktive Einflussnahme kann nicht nur die Bedingungen in einem Unternehmen verbessern, sondern darüber hinaus zur Etablierung bewährter Praktiken in einer ganzen Region führen. Ein weiteres gutes Beispiel ist die aktive Einflussnahme auf im Bereich fossile Brennstoffe tätige Unternehmen im Hinblick auf Diversifizierung und den Ausbau ihrer Kapazitäten im Bereich erneuerbare Energien. Solche über das betreffende Unternehmen hinausreichenden Ergebnisse sind zwar aus der Perspektive wirkungsorientierter Investments schwer zu quantifizieren, zeigen aber, was durch aktive Einflussnahme erreicht werden kann.

Welche Fähigkeiten sind für eine solche aktive Einflussnahme erforderlich?

Es kommt darauf an, genau zu erkennen, mit welchen entscheidenden ESG-Problemen ein Unternehmen konfrontiert ist. Manchmal sind diese leicht zu erkennen und zu messen, haben aber nicht immer die in die Breite gehenden Folgewirkungen, die wir uns wünschen würden. Auf aktive Einflussnahme spezialisierte Fondsmanager müssen ein Unternehmen verstehen. Sie müssen verstehen, wofür es steht, und die Branche kennen, in der es tätig ist – so wie dies auch von konventionellen Anlagespezialisten verlangt wird. Sie brauchen aber auch ein ausgeprägtes Verständnis relevanter Nachhaltigkeitsthemen. Langjährige Beziehungen zur Unternehmensleitung sind natürlich hilfreich – ebenso wie die Kenntnis bewährter Verfahren und Entwicklungen in der Welt der aktiven Einflussnahme.

In puncto sozialer Kompetenz müssen sie gute Vermittler und zu guter Zusammenarbeit fähig sein. Aktive Einflussnahme sollte eine Win-Win-Situation für Anleger und Unternehmen sein. Manche Privatanleger wollen sich vielleicht von aktivistischen Ansätzen fernhalten, die eher auf die Peitsche als das Zuckerbrot setzen, und bevorzugen eine konstruktivere Einflussnahme. Dennoch erwarten sie von ihren Fondsmanagern, dass diese erkennen, wenn ihre aktive Einflussnahme nicht funktioniert und es an der Zeit ist, zu einer anderen Gangart überzugehen.

Stehen bei aktiver Einflussnahme ökologische statt sozialer Faktoren zu sehr im Vordergrund?

Unserer Ansicht nach ist der Einsatz für soziale Belange nicht weniger wichtig als der für klimabezogene Themen. Die Herausforderung besteht darin, dass klimabezogene Ergebnisse häufig als leichter messbar angesehen werden. Um wie viel man seine CO2-Emissionen reduziert oder woher man seine Energie bezieht, ist leichter zu beurteilen als soziale Faktoren, die oft eher qualitativer Art sind.

In sozialen Fragen sind große Fortschritte gemacht worden. Unternehmen aus vielen verschiedenen Branchen sehen die Notwendigkeit, diesbezüglich vorbildlich zu handeln und Maßstäbe für andere zu setzen. Und wir erleben definitiv mehr aktive Einflussnahme bei sozialen Themen als noch vor ein paar Jahren. Letztes Jahr gab es auch eine deutliche Zunahme von Stimmrechtsvertretungen bei sozialen Themen.

Gibt es Belege dafür, dass auf aktive Einflussnahme ausgerichtete Strategien tatsächlich funktionieren?

Mehrere wissenschaftliche Studien deuten darauf hin. Eine Herausforderung bei der Analyse besteht allerdings darin, dass es zwar schon seit einiger Zeit auf aktive Einflussnahme ausgerichtete Strategien gibt, eine auf Nachhaltigkeitsergebnisse abzielende Einflussnahme aber erst in letzter Zeit stärker formalisiert wurde und es mehrere Jahre dauert, bis bedeutsame Ergebnisse und tatsächliche Auswirkungen erreicht werden. Die Entwicklung ist also noch nicht abgeschlossen. Im Rahmen unserer Beobachtung der Märkte stellen wir zunehmende Erfolge bei als Zwischenziele gesetzten Meilensteinen fest, was uns optimistisch stimmt. Auf die abschließenden Ergebnisse müssen wir aber noch warten. Wir wollen auch die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet unterstützen, indem wir gemeinsam mit Doktoranden analysieren, was im Einzelfall über den Erfolg einer auf Nachhaltigkeit fokussierten aktiven Einflussnahme entscheidet.

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