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SI Opener: Strengere ethische Grundsätze im Gesundheitssektor zum Kampf gegen Opioid-Missbrauch erforderlich

SI Opener: Strengere ethische Grundsätze im Gesundheitssektor zum Kampf gegen Opioid-Missbrauch erforderlich

29-10-2020 | SI Opener
Der Gesundheitssektor wird häufig als attraktives Anlagesegment angesehen, sowohl aus Investmentsicht als auch aus Impact-Perspektive. Jedoch machen dem Sektor auch gewisse Probleme zu schaffen, beispielsweise der umfangreiche Einsatz und Missbrauch von Opioiden.
  • Masja Zandbergen - Albers
    Masja
    Zandbergen - Albers
    Head of sustainability integration
  • Anouk in 't Veld
    Anouk
    in 't Veld
    Active Ownership Specialist

In aller Kürze

  • Die Opioid-Krise in den USA kostete 2018 rund 696 Mrd. US-Dollar, das sind 3,4 % des BIP
  • Erforderlich ist eine radikale Veränderung mit größerem Einfluss des öffentlichen Sektors
  • Mehr Innovation, Governance und Geschäftsethik notwendig

Opium und daraus abgeleitete Substanzen werden seit Jahrhunderten verwendet. Jedoch führte ein Durchbruch in der Palliativmedizin in den 1990er Jahren zu einer globalen Gesundheitskrise mit beispiellosen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Seitdem hat die Einführung neuer opioid-basierter Medikation zu einem verbreiteten Missbrauch geführt. Allein in den USA sind in einem Zeitraum von acht Jahren mehr als 200.000 Todesfälle auf Überdosen zurückzuführen.

Dies hat der Öffentlichkeit einen weiteren Grund zu Misstrauen gegenüber der pharmazeutischen Industrie gegeben. Um das Vertrauen in die Medizin wiederherzustellen, müssen wir mehr als nur diese Branche betrachten und die Rolle öffentlicher Gesundheitsorganisationen berücksichtigen, wenn man ähnlich schmerzhafte Entwicklungen vermeiden will.

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Auswirkungen der Opioid-Krise

Obwohl die Medikamentenbranche dem Wohl der Patienten dienen soll, ist mitunter das Gegenteil der Fall. Der Missbrauch von Opioiden – im Rahmen einer Medikation, die das Leben schwerkranker Menschen verbessern soll – hat zu zahlreichen Todesfällen und hohen wirtschaftlichen Kosten geführt.

Im Jahr 2017 gab es weltweit 53,4 Millionen Nutzer von Opioiden, 80 % von ihnen in den USA. Schätzungen zufolge leiden mehr als 2 Millionen davon unter Erkrankungen infolge von Opioid-Missbrauch. Dazu zählt auch die Einnahme rezeptpflichtiger Medikamente und nicht-medizinischer Opioide wie Heroin und Fentanyl. Zwischen 1999 und 2017 starben 218.000 Menschen an entsprechenden Überdosen. Das ist eine hohe Zahl verglichen mit den Todesfällen, die auf Autounfälle oder Schusswaffeneinsatz zurückzuführen sind. Der Wert ist aber vergleichsweise niedrig gemessen an der Zahl der Toten, die direkt oder indirekt auf Rauchen zurückzuführen sind.1

Die Opioid-Krise verursachte 2018 allein in den USA schätzungsweise Kosten von 696 Mrd. Dollar – das entspricht 3,4 % des BIP. Im Zeitraum von 2015-2018 waren es mehr als 2,5 Billionen Dollar.2 In diesen Zahlen berücksichtigt sind der Wert verlorenen Lebens, gestiegene Kosten von Gesundheitsfürsorge und Therapien bei Medikamentenmissbrauch sowie Kosten der Strafverfolgung und verringerte Produktivität.

Insgesamt hat sich die Opioid-Epidemie zu einem ernsten Hindernis bei der Erreichung des UN-Nachhaltigkeitsziels 3 (gute Gesundheitsvorsorge und Wohlergehen) und speziell seines Unterziels 3.5 (Prävention und Behandlung von Missbrauch medizinischer Substanzen und Betäubungsmittel) entwickelt. Infolge verfehlter Marketing-Praktiken sowie Problemen auf Ebene der Unternehmensethik und des Wettbewerbs verstoßen eine bedeutende Zahl von Arzneimittelherstellern sowohl gegen den UN Global Compact als auch die OECD Guidelines for Multinational Enterprises.

Für Anleger hat die Opioid-Krise beträchtliche Volatilität mit sich gebracht. Darin spiegelt sich die wachsende Unsicherheit und gestiegene Wahrscheinlichkeit wider, dass diese Unternehmen erhebliche Geldsummen zur Beilegung rechtlicher Verfahren zahlen müssen, die von tausenden von Klägern angestrengt wurden. Dazu gehören Bundesstaaten, Counties, Stadtverwaltungen, Gesundheitsdienstleister, Versicherungsunternehmen und staatliche Agenturen.

Von der Schmerzlinderung zu verbreitetem Missbrauch

Die antiken Zivilisationen Persiens, Ägyptens und Mesopotamiens bauten allesamt Schlafmohn an, der seit langem für seine beruhigende und schmerzlindernden Effekte bekannt ist. In den letzten 200 Jahren haben Opium und daraus abgeleitete Substanzen in der westlichen Welt an Popularität gewonnen und werden in zunehmend konzentrierter Form verwendet, sowohl legal als auch illegal.

Heutzutage werden Opioide vorwiegend für den kurzfristigen Einsatz zur Schmerzlinderung nach größeren Verletzungen oder Operationen verschrieben. Opioide können aber auch bei Menschen mit starken und chronischen Schmerzen eingesetzt werden, beispielsweise Krebspatienten. Zu den gängigsten Beispielen für rezeptpflichtige Opioide zählen Morphium, Oxycodon (bekannt als OxyContin) und Hydrocodon.

Diese Opioide fallen in die Kategorie der Schedule III-Medikamente, bei denen das Potential für eine physische und psychische Abhängigkeit gering bis moderat ist. Die kurzfristige Verwendung von Opioide-basierten Schmerzmitteln gilt allgemein als unbedenklich. Jedoch können Patienten, die Opioide für längere Zeit einnehmen, unter schädlichen Nebenwirkungen leiden. Wenn regelmäßige Nutzer eine Toleranz gegenüber dem Arzneimittel entwickeln, wird entweder die Dosierung erhöht oder die Patienten wechseln zu stärkeren Opioiden wie Fentanyl oder Heroin (Schedule II bzw. I-Medikamente).

Die Nutzung von Opioiden nimmt seit den 1990er Jahren zu. Damals bezeichneten die Pharmahersteller ihre Produkte als sicher und begannen damit, sie gegenüber Patienten mit nicht krebsbezogenen Schmerzen zu vermarkten. In diesem Zeitraum hat sich der Einsatz pharmazeutischer Opioide für medizinische Zwecke verdoppelt. Die letzte Welle begann 2013 mit dem Aufkommen von Fentanyl. Zwischen 2013 und 2016 stieg in den USA die Zahl der durch Opioide bedingten Todesfälle, bei denen Fentanyl im Spiel war, um rund 113 % pro Jahr.3

Ein ganzheitlicher Ansatz für die Epidemie

Die großen Pharma-Unternehmen werden angesichts der Entwicklung und Vermarktung opioid-basierter Schmerzmittel in der Öffentlichkeit oft sehr negativ beurteilt. Kontroversen resultieren aus verfehlten Marketingspraktiken sowie Problemen auf Ebene der Unternehmensethik – beispielsweise unzulässigen Anreizen für Ärzte zur Verschreibung ihres Produkts anstatt konkurrierender Arzneimittel.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Publikation haben einige Pharmaunternehmen und Vertriebsfirmen der Zahlung von Milliardenbeträgen zur Beilegung von Rechtsstreitigkeiten zugestimmt. Doch sind noch zahlreiche Verfahren anhängig. Insgesamt betrachtet dürften die Zahlungen nur einem Bruchteil des entstandenen Schadens entsprechen. Die Anleger haben die Unternehmen erst relativ spät für ihre fehlgeleiteten Marketing- und Vertriebspraktiken zur Verantwortung gezogen. Die Organisation „Investors for Opioid Accountability“ wurde erst 2017 gegründet. Anschließend zogen die Rechtsstreitigkeiten allmählich die Aufmerksamkeit von Datenlieferanten auf sich und wurden für Anleger zu Analysezwecken zugänglich.

Uns sind sowohl die medizinischen Vorteile von Opioiden für bestimmte Patienten als auch das nicht zu rechtfertigende Ausmaß von Fehlverhalten in der Pharmaindustrie bewusst. Daher plädieren wir für einen ganzheitlichen Ansatz bei der Analyse der Epidemie angesichts eines komplexen Umfelds an Stakeholdern.

Zuallererst spielen die Regierungen eine zentrale Rolle bei der Genehmigung und Regulierung des Arzneimittelvertriebs. Dabei besteht die Gefahr, dass sie von Lobbyisten der Industrie als auch von Patienten-Organisationen beeinflusst werden. Letztere haben eine entscheidende Rolle beim verstärkten Einsatz von Opioiden gespielt und werden teilweise von den Pharmaunternehmen beeinflusst.

Des Weiteren haben Hausärzte eine bedeutende Rolle bei der Verschreibung opioide-basierter Medikamente gespielt. Interessanterweise zeigen Untersuchungen, dass Ärzte mit Ausbildung an einer der führenden medizinischen Fakultäten wesentlich weniger Opioide pro Jahr verschrieben haben als solche von weniger angesehenen Einrichtungen. Dies unterstreicht die Wichtigkeit einer laufenden Weiterbildung.4

Des Weiteren spielen externe Gruppen wie Berater, Medikamentenverkäufer und Forscher alle eine Rolle in dieser Krise und müssen sich der daraus resultierenden Verantwortung stellen.

Nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, dass das Gesundheitssystem jedes Landes unterschiedlich funktioniert. Preise, Regulierung und kulturelle Aspekte sind dabei kritische Faktoren, die das Ausmaß einer solchen Epidemie beeinflussen können.

Licht am Ende des Tunnels?

Bislang ist es nicht gelungen, die Opioid-Epidemie zu beenden. Die Coronavirus-Krise wirkt sich negativ auf den Zugang zu Therapien aus und erschwert es Patienten, von ihrer Abhängigkeit wegzukommen. Dennoch nehmen die Bemühungen um Prävention zu. So gewinnen nicht-medizinisch gestützte Behandlungsformen wie kognitive Therapie an Aufmerksamkeit. Vor diesem Hintergrund ist festzustellen, dass vermehrte Forschung zur Prävention erforderlich ist. Dazu gehört auch die Entwicklung eines besseren Verständnisses dafür, was chronische und episodische Schmerzen verursacht, und die Ausrichtung von Anreizen im Geschäftsmodell auf das Ziel der Verringerung nicht notwendiger Verschreibung von Opioiden.

Davon losgelöst kann man sich die Frage stellen, ob wir genug über die tatsächlichen Kosten der Medizin wissen. Wichtig ist, dass die Unternehmen Initiativen unterstützen, die auf Verantwortung und Transparenz abzielen, damit Anleger gut fundierte Entscheidungen treffen können. Im Gesundheitssektor ist die Unternehmensethik ein ebenso wesentlicher Aspekt wie die Fähigkeit zur Innovation und zur Gewährleistung der Produktqualität.

Uns ist mittlerweile auch bewusst, dass die Opioid-Krise eine Situation mit zahlreichen problematischen Aspekten geschaffen hat, was einen ganzheitlichen Ansatz erfordert. Ein solcher Ansatz ermöglicht eine gründliche Analyse der finanziellen Risiken, der fundamentalen Auswirkungen und des relativen Werts von Opioiden für die Gesellschaft.

Bei der Integration von ESG-Aspekten in unsere Entscheidungsprozesse beurteilen wir Unternehmen aus dem Gesundheitssektor auf Basis ihres Abschneidens in Bezug auf Unternehmensethik, Corporate Governance und Innovation. Unternehmen mit ausgeprägter Ethik und Governance sowie solche die in Forschung und Entwicklung investieren und auf effiziente Weise innovativ sind, werden höher bewertet.

Im Rahmen des Dialogs mit den Unternehmen fordern wir von diesen:

  • Transparenz im Hinblick auf sowohl positive als auch negative Testversuche
  • Angabe direkter und indirekter Lobbyarbeit mittels externer Organisationen
  • Bemühungen zur besseren Quantifizierung der Produkteffektivität
  • Integration der Ergebnisse in die Berichterstattung; der Erfolg eines Arzneimittels sollte nicht nur am Gewinn gemessen werden, sondern auch an seinen gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen
  • Einführung wertebasierter Geschäftsmodelle.

Darüber hinaus sind wir der Ansicht, dass andere Beteiligte im Gesundheitsbereich im selben Umfang zur Verantwortung zu ziehen sind. Sie sollten transparentes Research und eine verbesserte Datensammlung unterstützen, um die Entwicklung evidenzbasierter Behandlungsformen zu unterstützen. Dabei sollte zu jedem Zeitpunkt die besten Interessen der Patienten Priorität haben.

Zur Bewältigung der medizinischen Herausforderungen in diesem Bereich sind interdisziplinäre Zusammenarbeit und Innovationen erforderlich. Letztlich müssen wir wissen, dass das Gesundheitswesen wirklich den besten Interessen der Patienten und der Gesellschaft verpflichtet ist.

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