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Wir sollten Finanzgeschäfte dafür nutzen, die Welt besser zu machen

Wir sollten Finanzgeschäfte dafür nutzen, die Welt besser zu machen

15-07-2019 | Interview
Amy Domini ist seit über dreißig Jahren auf dem Gebiet des Sustainable Investing (SI) tätig. 1999 war sie an der Auflegung von Robecos erstem SI-Fonds beteiligt. Jetzt leitet sie in den USA ihr eigenes Unternehmen, Domini Impact Investments. Wir sprachen mit ihr darüber, wie weit SI vorangekommen ist, welche Herausforderungen noch bestehen und wie ihr Unternehmen investiert.
  • John Coppock
    John
    Coppock
    Investment writer

In aller Kürze

  • Dass SI mittlerweile im Mainstream angekommen ist, lässt sich schwerlich bestreiten
  • Damit SI voll und ganz akzeptiert wird, sind noch fünf Hindernisse zu überwinden
  • Beim Thema Ruhestand sollten Anleger das Gesamtbild betrachten

Es ist jetzt 20 Jahre her, dass Sie an der Auflegung von Robecos erstem SI-Fonds beteiligt waren. Was hat sich seitdem Ihrer Meinung nach auf dem Gebiet des Sustainable Investing verändert?
„Es lässt sich schwerlich bestreiten, dass SI mittlerweile im Mainstream angekommen ist, wenn einige der größten Finanzinstitute der Welt nicht nur entsprechende Produkte anbieten, sondern in diesem Bereich auch ihre Zukunft sehen. Andererseits ist das Nachhaltigkeitsfeld auch nicht soweit zusammengerückt, dass ich die Ankunft im Mainstream als vollendet betrachten würde. Dafür müssten die Daten, auf die sich Finanzinstitute stützen, überall verfügbar sein. Wir haben Zahlen zu den Unternehmensgewinnen, zur Börsenkapitalisierung, zu Cashflows usw. Beim Thema Nachhaltigkeit müssen wir aber bisher noch die Lücken schließen. Außerdem unterscheiden sich die Daten in verschiedenen Teilen der Welt. Bis diese Hindernisse überwunden sind, glaube ich nicht, dass wir eine vollständige Ankunft im Mainstream erreichen können.

Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen für eine umfassende Akzeptanz von SI? Was würden Sie als die fünf größten Hindernisse ansehen?
„Es gibt zwei Haupthemmnisse: die sich hartnäckig haltende Vorstellung, dass Sustainable Investing zu Lasten der Performance geht, und was ich derzeit als Verwirrung bezeichnen würde, vor allem darüber, welche Standards man bei der Verwendung von Filtern beachten sollte. Dann gibt es eine Denkweise, die besagt: ‚Es gibt eine bessere Möglichkeit, das zu machen’ – z. B. durch gemeinnützige Organisationen. Ich halte das aber für einen äußerst naiven Ansatz.“ „Viertens gibt es diejenigen, die immer noch sagen: ‚Diese Dinge sind mir wichtig. Aber sie dürfen nicht meiner hauptsächlichen Zielsetzung im Weg stehen, nämlich diesen Menschen einen Ruhestand in Würde zu ermöglichen.’ Sie gehen von falschen Annahmen aus: für einen Ruhestand in Würde braucht man mehr als Geld. Und fünftens gibt es einen aufkommenden Trend, der mich stört: auf ein Thema beschränkte Fonds. Wem es nur um Sonnenenergie, Tierrechte oder darum geht, Vegetarier zu sein, der verfolgt ein anderes Ziel als das Wohl der Menschen und des Planeten.“

Ich glaube nicht, dass die richtige Praktizierung des Kapitalismus darin besteht, ein schädliches Produkt so weit und so billig wie möglich zu verbreiten

Es findet eine Gewissenserforschung bezüglich der angeblichen ‚Treuepflicht’ statt, Gewinn zu erzielen. In welche Richtung wird sich die Branche nach Ihrer Einschätzung entwickeln?
„Das ist und bleibt eine schwierige Frage. Manche sind der Überzeugung, dass man die ‚besten’ Waffenhersteller und die ‚besten“ Tabakkonzerne in seinem Portfolio haben sollte. Ich finde, dass uns dies zu der Frage nach der richtigen Praktizierung des Kapitalismus bringt. Ich glaube nicht, dass diese darin besteht, ein schädliches Produkt so weit und so billig wie möglich zu verbreiten.“

Welchen Einfluss hat das zunehmende Bewusstsein für den Klimawandel auf SI? „Wir erleben, wie die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels die Kosten in der Überschwemmungs- und Haftpflichtversicherung in die Höhe treiben. In den USA hat ein großes Versorgungsunternehmen, Pacific Gas & Electric, wegen der Waldbrände in Kalifornien innerhalb von drei Tagen 2 Mrd. US-Dollar verloren. Die Sorge um den Klimawandel bewegt die Menschen in den USA aber immer noch nicht so sehr, wie es sein sollte. Seit Jahrzehnten steht die Wissenschaft in den USA unter Beschuss mit dem Ergebnis, dass viele Politiker 15 Jahre lang glaubten, sie könnten nicht wiedergewählt werden, wenn sie das Problem des Klimawandels anerkennen.“

Was ist mit der Energiewende weg von Kohle, Öl und Gas und hin zu erneuerbaren Energien? Die Welt braucht weiter fossile Brennstoffe. Wie denken Sie darüber?
„Bei Domini Impact Investments sind wir dazu übergegangen, Unternehmen aus dem Energiesektor ausdrücklich aus unserem Investmentuniversum auszuschließen. Vor vielen Jahren hatten wir ein paar ziemlich große Öl- und Gasunternehmen im Portfolio. Dann akzeptierten wir Erdgas als Übergangslösung. Und als alle Erdgasunternehmen mit Fracking begannen, haben wir uns weiter aus diesem Bereich zurückgezogen. Kohle haben wir von Anfang an ausgeschlossen. Viele Volkswirtschaften stützen sich immer noch auf Kohle. Sie erlauben aber auch immer noch Rauchen und Schusswaffen.“

Hat der Domini 400 Social Index die Investmentkultur spürbar beeinflusst, vor allem in den USA?
„Seit dem Ende der Apartheid in Südafrika hat die Performance des Domini 400 Social Index das Interesse an diesem Bereich beflügelt. Viele konnten nicht glauben, dass dieser Index beständig eine überdurchschnittliche Performance erreicht hat! Dann trennten sich die Partner von KLD, und der Index wurde Teil von MSCI. Der MSCI KLD 400 Social Index unterscheidet sich in seiner heutigen Form sehr von dem, wie ich diesen Index zusammenstellen würde. Denn er enthält z. B. Öl- und Gasunternehmen. Sie würden sagen, dass der typische verantwortungsbewusste Anleger heute in Öl und Gas investiert ist (*Robeco eingeschlossen).“

In Ihrer langen Karriere haben Sie viel Lob und Anerkennung bekommen. Begeistert Sie das Thema SI heute noch so wie damals in Ihrer Anfangszeit?
„Ja, ich bin immer noch aufgeregt bei diesem Thema. Ich glaube, mein Kampf hat Ziele, die ich inzwischen für dringend halte. Es sind drei. An erster Stelle steht die Notwendigkeit, offen und transparent darzulegen, wie sich das Wirtschaften von Unternehmen auf unsere Gemeinwesen und unseren Planeten auswirkt. Mein nächstes Anliegen ist, dass bei Finanztransaktionen etwas das Tempo herausgenommen wird, weil dies Anleger zu Glücksspielern macht. Und schließlich muss die ftreuhänderische Verantwortung – vor allem in den USA – viel mehr die ganze Person im Blick haben. Man kann nicht wirklich mit Würde seinen Ruhestand genießen, wenn man in einem gefährlichen Viertel wohnt und Angst hat, nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus zu gehen. Wenn dein Enkel Asthma hat, dann ist es dir egal, ob du dank einer florierenden Kohleindustrie 100 Dollar mehr in der Tasche hast. Die Gesundheit deines Enkels ist dir dann wichtiger. Wenn diese drei Dinge gelöst sind, dann hätte ich das Gefühl, mich entspannt zur Ruhe setzen zu können.

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