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Dringend benötigtes Handelsabkommen dürfte nach dem G20-Gipfel auf sich warten lassen

Dringend benötigtes Handelsabkommen dürfte nach dem G20-Gipfel auf sich warten lassen

05-07-2019 | Einblicke
Der Abschluss eines Handelsabkommens wäre für die Aktienmärkte sehr wichtig. Nach Gesprächen mit Führungskräften aus dem Finanzbereich, Regierungsvertretern und Mitarbeitern von Denkfabriken aus den USA und China versucht Fabiana Fedeli, eine Antwort auf eine entscheidende Frage zu finden: Wann wird es ein Handelsabkommen geben? Dies ist die erste Publikation in unserer Reihe „Geschichten von einer weniger stark befahrenen Straße“.
  • Fabiana Fedeli
    Fabiana
    Fedeli
    Global Head of Fundamental Equities

In aller Kürze

  • Der auf dem G20-Gipfel vereinbarte „Waffenstillstand“ zwischen China und den USA ist eine gute Nachricht, aber wir sind noch weit von einem Abkommen entfernt
  • Chinas härtere Haltung dürfte das Zustandekommen eines Abkommens verzögern und an den Märkten für Volatilität sorgen
  • Das Thema Diebstahl von geistigem Eigentum ist real und dürfte weiter im Raum stehen

Vor kurzem bin ich von einer jährlich in Washington stattfindenden Konferenz zurückgekehrt, die sich mit dem Verhältnis zwischen China und den USA befasst. In diesem Jahr stand vor allem die Abstimmung zwischen beiden Ländern aus Sicht der Finanzmärkte und deren Regulierung im Fokus. Es ging dann aber auch um geopolitische Fragen. Es versteht sich von selbst, dass in diesem Jahr der Handelskonflikt zwischen beiden Ländern im Mittelpunkt der Gespräche stand.

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Veränderte Haltung der USA und Chinas

Als ich vor einem Jahr an dieser Konferenz teilnahm, hatten die USA gerade ihre „erste Welle“ von Zoll-Drohungen gegen China hinter sich und nahmen eine harte Haltung ein. Selbst diejenigen, die nicht mit Trumps Amtsführung einverstanden sind, hegten anscheinend Sympathien für die Gründe hinter den Zoll-Drohungen. Die chinesische Seite war damals weniger streitlustig, viel entgegenkommender und eher daran interessiert zu verstehen, was die USA tatsächlich erreichen wollten.

Zwölf Monate später hat sich das Blatt gewendet. Viele chinesische Teilnehmer vertreten eine härtere Haltung als die US-Seite; denn sie sind großenteils davon überzeugt, dass die USA eigentlich China erniedrigen und nicht aus wirtschaftlichen Gründen ein Abkommen aushandeln wollten. Letztes Jahr wurde von einigen chinesischen Teilnehmern die Vermutung geäußert, dass Präsident Xi Jinping mit seinem zu aggressiven Verhalten in Bezug auf das Projekt „Made in China 2025“ den Zorn der USA und der übrigen Industrieländer auf sich gezogen haben könnte. In diesem Jahr unterstützen sie voll und ganz die Haltung des chinesischen Präsidenten.

USA: zweigeteilte Ansichten zu den Zöllen

Die US-Teilnehmer diskutierten diesmal sehr viel über die möglichen Auswirkungen der Zölle auf die Inflation in den USA, die Unternehmensgewinne und die gesamte US-Wirtschaft. Sie waren darüber geteilter Meinung. Während sich einige überzeugt zeigten, dass die USA weiter kräftiges Wachstum und niedrige Inflationsraten haben würden, zeigten sich andere besorgt über die mittelfristigen Folgen für die Wirtschaft. Die Teilnehmer zeigten sich auch zunehmend frustriert über die Regierung Trump und darüber, dass es in ihrer (Art von) Wirtschaftspolitik keine wirklich langfristige Strategie gibt

Huawei und der Diebstahl von geistigem Eigentum

Während der Konferenz hatte ich auch viele Gespräche über Huawei und die Auseinandersetzungen über geistiges Eigentum. Der Diebstahl von geistigem Eigentum und die Nichtbeachtung von Sanktionen ist bei chinesischen Unternehmen real und weit verbreitet (ein Patentanwalt erzählte uns von der Praktik, das US-Patentamt mit Hunderten von Scheinanträgen zu bombardieren, um es abzulenken). Deshalb werden die Auseinandersetzungen um geistiges Eigentum wohl selbst dann weitergehen, wenn (dahinter steht ein großes Fragezeichen) sich die Situation durch den Abschluss eines Handelsabkommens kurzfristig entspannen würde. Präsident Trumps Äußerung auf dem G20-Gipfel, dass US-Unternehmen weiter Produkte an Huawei verkaufen könnten, ist ein erstes positives Signal, das aber bei Ausbleiben eines umfassenderen Abkommens leicht zurückgenommen werden könnte.

Die Aktienmärkte brauchen einen Deal, der zur Rücknahme von Zöllen führt

Was die Schlussfolgerungen aus meinen Gesprächen für Investments angeht, bin ich weiterhin überzeugt, dass ein Handelsabkommen für die Aktienmärkte wichtig ist. Und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Stimmung, sondern konkreter wegen der direkten (z. B. Verringerung der Gewinnmargen, wenn die Zölle nicht in voller Höhe an die Kunden weitergegeben werden können) und indirekten (z. B. potenzielle Auswirkungen auf die Nachfrage und höhere Kosten infolge des Umbaus von Lieferketten) Auswirkungen der Zölle auf die Unternehmensgewinne. Man sollte nicht vergessen, dass die Unternehmensgewinne die Aktienkurse insbesondere in den Schwellenländern weiter maßgeblich beeinflussen. Um wirkungsvoll zu sein, müsste ein Abkommen zur Aufhebung von Zöllen führen, zumindest der vor kurzem auf Waren im Wert von 200 Mrd. USD verhängten 25 % und der auf Waren im Wert von weiteren 300 Mrd. USD angedrohten Zölle, die während des G20-Gipfels schließlich ausgesetzt wurden. Alles andere (wie z. B. eine „Begnadigung“ von Huawei) wäre eine Zugabe.

Deshalb ist der Ausgang des Handelskonflikts meiner Meinung nach ein wichtiges Thema. Ich glaube immer noch, dass wir irgendwann in diesem Jahr mit einem Handelsabkommen rechnen sollten. Während sich Chinas Regierung unnachgiebig zeigt, könnte Trump wegen der Sorge um den Verlust von Wählerstimmen und wegen seiner Fixierung auf die US-Aktienmärkte seine Haltung so weit lockern, dass für China eine Rückkehr an den Verhandlungstisch wieder akzeptabler wird.

Handelsabkommen verzögert sich

Dennoch hat die Konferenz meine Auffassung zum Zeitpunkt eines Abkommens (später, als ich zunächst gedacht habe) und zur potenziellen Marktvolatilität bis dahin (die deshalb länger anhalten könnte, als ich zunächst gedacht habe) geändert. Die auf dem G20-Gipfel getroffene Entscheidung, die Gespräche wieder aufzunehmen ist zwar positiv. Beide Seiten sind aber weit vom Abschluss eines Abkommens entfernt. Ich glaube, Chinas Regierung ist jetzt entschlossen, nicht so leicht nachzugeben, und sie ist bereit, dafür ein geringeres Wirtschaftswachstum in Kauf zu nehmen. Zudem glaube ich, dass ein Abkommen wahrscheinlich erst nach den US-Präsidentschaftswahlen zustande kommen wird, wenn es nicht vor Dezember unter Dach und Fach gebracht wird. Dies hieße, dass die Zölle länger erhoben würden – mit allen zu erwartenden negativen Auswirkungen auf die Unternehmensgewinne und einer Beeinträchtigung der Weltwirtschaft. Bereits in den ersten Monaten von 2020 werden die USA mit den ersten Vorwahlen auf Wahlkampfmodus umschalten, und Präsident Trump würde das Thema wahrscheinlich nicht länger in den Schlagzeilen sehen wollen.

Globale Lieferketten im IT-Bereich würden unterbrochen werden

Was Investments angeht, bedeutet dies, dass an den Aktienmärkten (vor allem in den Schwellenländern) in den Sommermonaten Volatilität herrschen dürfte. Ich bin auch weiter besorgt mit Blick auf Lieferketten, vor allem im IT-Bereich. Betroffene Unternehmen werden nicht nur investieren und Kosten auf sich nehmen müssen, um ihre Lieferketten in Länder außerhalb Chinas zu verlagern. Wahrscheinlich wird es auch zu einer Fragmentierung von Lieferketten (kaum ein anderes Land kann derzeit Arbeitskräfte und Infrastruktur im selben Umfang wie China anbieten) und zu einer Erhöhung der Produktionskosten kommen. Beide Entwicklungen werden länger anhalten als der Handelskonflikt und der Streit um geistiges Eigentum. Die mögliche Schaffung von zwei IT-Ökosystemen – eines unter Führung Chinas und das andere unter Führung der USA – hätte weitreichende Folgen für die IT-Entwicklung und die Kosten in diesem Wirtschaftszweig.

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