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Die Risiken für europäische Aktien werden überschätzt

Die Risiken für europäische Aktien werden überschätzt

08-03-2019 | Monatsausblick
Europäische Aktien könnten an Attraktivität gewinnen, da sich eine positive Auflösung vermeintlicher Risiken abzeichnet, meint der Chief Economist von Robeco, Léon Cornelissen.
  • Léon  Cornelissen
    Léon
    Cornelissen
    Chief Economist

In aller Kürze

  • Europäische Aktien haben sich gegenüber amerikanischen laufend verbilligt
  • Zu den Risiken zählen der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der Brexit und Populismus
  • Sie alle werden überschätzt, da das Verbrauchervertrauen zunimmt und zusätzliche Anreizmaßnahmen erfolgen

Eine Reihe von Hemmnissen hat dazu geführt, dass europäische Aktien gegenüber amerikanischen unterbewertet sind. Dazu zählen der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der das Wirtschaftswachstum in Europa beeinträchtigt, der Brexit, Populismus und sogar der niedrige Wasserstand des Rheins.

Jedoch sind die Aussichten günstiger, als die Marktteilnehmer unterstellen. Dafür sprechen insbesondere die positive Entwicklung des Verbrauchervertrauens in letzter Zeit sowie die Möglichkeit fiskalpolitischer Anreize speziell in Deutschland, Europas größter Volkswirtschaft, so Cornelissen.

„Europäische Aktien haben sich seit 2009 gegenüber amerikanischen laufend verbilligt. Als Grund dafür werden häufig die relativ hohen politischen Risiken in Europa genannt“, sagte Cornelissen im monatlichen Ausblick von Robeco Investment Solutions. „Wir meinen, dass diese Risiken überschätzt werden und sich trotz des Geredes in Grenzen halten. Von daher sind europäische Aktien relativ attraktiv.

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Drohende Handelszölle

„Die Konjunktur in Europa leidet indirekt unter dem Handelskonflikt zwischen den USA und China. Drohende Handelszölle haben zur Abschwächung der chinesischen Wirtschaft beigetragen. Darunter haben die Exporte aus Europa – einschließlich der deutschen Autoausfuhren – gelitten.“

„Zudem haben Einmaleffekte die deutsche Industrieproduktion beeinträchtigt. Die Autoindustrie hat sich mit der Anpassung an striktere Abgasstandards der EU schwergetan. Gleichzeitig hat der ungewöhnlich niedrige Wasserstand im Rhein die Belieferung der Industrie mit Vor- und Zwischenprodukten gehemmt und zu Beschränkungen bei der Wasserentnahme durch Industrieunternehmen geführt. Doch diese Faktoren dürften nur vorübergehender Natur sein. Beispielsweise haben sich die deutschen Autoexporte im Dezember wieder kräftig erholt.“

„In Frankreich deutet einiges darauf hin, dass sich die Dynamik der populistischen Bewegung abschwächt. Das Verbrauchervertrauen in Frankreich ist seit dem Jahreswechsel deutlich gestiegen (siehe untenstehende Grafik). Dies ging mit wachsender Popularität von Präsident Macron einher, der einen nationalen Dialog in den einzelnen Regionen des Landes begonnen hat. Die Welle der ‚Gelbwesten‘-Proteste scheint abzuebben.“

Quelle: Thomson Reuters Datastream
Die Indizes für das Verbrauchervertrauen in Frankreich sind zuletzt gestiegen.

Beilegung des Handelskonflikts so gut wie sicher

Eine Beendigung des Handelskonflikts zwischen den Vereinigten Staaten und China – die einander mit der Erhebung von Handelszöllen auf ein milliardenschweres Gütervolumen gedroht hatten – ist so gut wie sicher, glaubt Cornelissen. „Die chinesische Regierung beugt sich zwar mit einem etwas niedrigeren Wachstumsziel von 6,0-6,5 Prozent p.a. der Realität. Jedoch wird sie die geld- und fiskalpolitischen Anreize verstärken“, sagt er.

„Aus unserer Sicht wird vor allem die negative Reaktion der Aktienmärkte auf den anhaltenden Handelskonflikt zu dessen Beendigung führen. Daher halten wir es für unwahrscheinlich, dass der US-Präsident die Spannungen mit Europa verschärfen wird, beispielsweise durch Erhebung von Zöllen auf europäische Autos aus Gründen der nationalen Sicherheit. Allerdings hat er kürzlich die Einfuhrzölle für Indien und Türkei durch Beendigung ihres bevorzugten Handelsstatus angehoben.“

Das Drama um den Brexit hält an

Ein weiteres Thema, das in jüngster Zeit die Schlagzeilen dominiert hat, ist der schmerzhafte und nach wie vor unsichere Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union zum 29. März. „Zum Zeitpunkt der Erstellung unseres Ausblicks ist nach wie vor offen, wie und ob das Drama um den Brexit endet“, sagt Cornelissen.

„Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausstiegs ohne ein Abkommen mit der EU deutlich gesunken. Das britische Parlament hat die Regierung veranlasst, eine Verschiebung des Austrittsdatums zum 29. März anzustreben, wenn das Ausstiegsabkommen mit der EU keine Mehrheit im Unterhaus erhält. Grundsätzlich gibt es derzeit zwei Optionen: eine Verschiebung des Brexit (möglicherweise gefolgt von einem neuen Referendum, wobei Umfragen auf eine Mehrheit für einen Verbleib in der EU hindeuten) oder die Zustimmung des Parlaments zum Ausstiegsabkommen.“

„Die anhaltende Unsicherheit um den Brexit beginnt die britische Wirtschaft zu beeinträchtigen. Allerdings dürfte die Konjunktur robust bleiben, sobald deutlich wird, dass in jedem Fall ein harter Brexit vermieden wird.“

Populismus in Italien flaut ab

Das zweite Sorgenkind Europas war bislang Italien. „Die Einigung zwischen der Europäischen Kommission und der populistischen italienischen Regierung hinsichtlich des Haushaltsdefizits Italiens hat zu einer Stabilisierung der Risikoprämie italienischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen geführt. Es ist zwar wahrscheinlich, dass der Konflikt wieder aufflammt, da die italienische Wirtschaft in eine technische Rezession geglitten ist.“

„Allerdings hat die Lega, die bislang der Juniorpartner in der italienischen Regierung ist, in Umfragen enorm zugelegt, was zulasten der eurokritischen Fünf-Sterne-Bewegung ging. Aufgrund ihrer starken Verbindung zur Geschäftswelt Norditaliens wird die Lega kaum eine Politik betreiben, die eine Schuldenkrise in Italien auslösen würde.“

„Da die Partei in den Wahlen zum Europäischen Parlament voraussichtlich gut abschneiden wird, könnte sie ab Juni Neuwahlen in Italien durchsetzen, um ihre Position in der Regierung zu stärken. Verständlicherweise haben die Finanzmärkte besorgt auf die Bildung der populistischen Regierung reagiert, sie scheinen die Situation mittlerweile aber etwas entspannter zu sehen.“

Weitere Anreizmaßnahmen absehbar

Nicht zuletzt sind die beiden global wichtigsten Notenbanken, die US Federal Reserve und die Europäische Zentralbank (EZB) zu einem weniger offensiven geldpolitischen Kurs übergegangen. Am 7. März wurde ein neues auf zwei Jahre angelegtes Refinanzierungsprogramm (Targeted Longer-Term Refinancing Operation – TLTRO) angekündigt, das zum Teil die Fortsetzung des aktuellen ermöglicht. Außerdem hat die EZB ihre Prognosen für die weitere Geldpolitik geändert und eine Leitzinsanhebung für dieses Jahr ausgeschlossen.

„Für die deutsche Wirtschaft ist zudem mit einem gewissen fiskalpolitischen Anreiz in einer Größenordnung von 0,3-0,4 Prozent des BIP zu rechnen“, sagt Cornelissen. „Die wahrscheinliche Nachfolgerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer, erwägt Steuersenkungen zur Anregung der Konjunktur in Deutschland. Des Weiteren hat sich das Lohnwachstum infolge der Verknappung von Arbeitskräften beschleunigt, was der inländischen Konsumnachfrage zugutekommen sollte.“

„Alles in allem glauben wir, dass die Anleger im Hinblick auf Europa zu pessimistisch sind. Auch wenn einige Probleme noch gelöst werden müssen, rechnen wir mit einer Erholung der europäischen Volkswirtschaften in der zweiten Hälfte des Jahres 2019.“

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