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Jenseits der Schlagzeilen

Jenseits der Schlagzeilen

25-01-2021 | Kolumne
Die Entwicklungen des letzten Quartals haben unsere optimistische Einschätzung globaler Aktien zusätzlich unterstützt. Hochwirksame Impfstoffe sind zugelassen worden und die US-Wahlen haben ein klares Ergebnis geliefert. Die neue US-Regierung, die mittlerweile durch eine Defacto-Mehrheit auch im Senat gestärkt wird, wird voraussichtlich weitere Anreizmaßnahmen in Kraft setzen. Hinzu kommt, dass die wichtigsten Notenbanken der Welt ihre lockere Geldpolitik beibehalten, sodass die Aktienmärkte insgesamt gut unterstützt bleiben sollten.
  • Fabiana Fedeli
    Fabiana
    Fedeli
    Global Head of Fundamental Equities

In aller Kürze

  • Es geht nicht um Growth vs. Value, sondern um Schlagzeilen vs. Fundamentaldaten
  • Die Weltwirtschaft erholt sich langsam: wir bewerten den Ertragsaspekt daher wieder höher
  • Zeit für eine tiefere Analyse: Wegbereiter und Parallelentwicklungen

Das größte Risiko zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind impfstoffresistente neue Virusstämme

Machen wir uns nichts vor: Diese Entwicklungen bedeuten nicht, dass der weitere Weg einfach wird. Zum einen hat die Bereitstellung von Impfstoffen in den meisten Ländern nur langsam begonnen. Zum anderen bedeutet der Gewinn der beiden Senatssitze im US-Bundesstaat Georgia am 5. Januar 2021 eine faktische Mehrheit der Demokratischen Partei dank der ausschlaggebenden Stimme von Vizepräsidentin Harris. Jedoch gibt dies der Regierung von Präsident Biden keinen Freibrief für alle ihre Vorhaben, da ihre Gesetzesvorschläge im Senat durch den sogenannten Filibuster blockiert werden könnten.

Während wir uns der vor uns liegenden Hindernisse bewusst sind, genügt aus unserer Sicht keiner der beiden Aspekte, um unsere positive Sicht globaler Aktien zu verändern. Sie könnten allerdings zeitweilig zu negativen Marktreaktionen führen. Wie wir in den letzten Quartalen wiederholt festgestellt haben, bleiben das Coronavirus und seine Auswirkungen auf die Konjunkturerholung die treibende Kraft hinter der Aktienmarktentwicklung. 

Regierungen und Gesundheitswesen weltweit unternehmen beispiellose Bemühungen zur Erhöhung der Impfraten. Das lässt rasche Verbesserungen erwarten, wenn auch nicht übermäßig schnell. Das größte Risiko zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind impfstoffresistente neue Virusstämme. Bislang scheint dies nicht eingetreten zu sein.

US-Wahlen: Übergang zu einem optimistischen Szenario

Die Ergebnisse der Stichwahlen in Georgia haben das Umfeld für Aktienanleger vermutlich verbessert. Unter Berücksichtigung der Grenzen und Implikationen eines möglichen Filibuster können weite Teile der Agenda von US-Präsident Biden mit einer knappen Mehrheit im Kongress umgesetzt werden. Dazu gehören die Bestätigung neu eingesetzter politischer Amtsträger sowie zusätzliche Konjunkturanreize, umweltbezogene Maßnahmen und Änderungen am US-Gesundheitssystem, als dies bei einem Kongress ohne umfassende Mehrheit der Fall gewesen wäre. 

Natürlich wird der Umfang von Anreizmaßnahmen sowie von Initiativen in Bezug auf Klimaschutz und Gesundheitswesen durch die Notwendigkeit einer Haushaltsabstimmung begrenzt. Für die Aktienmärkte ist das kein schlechtes Ergebnis, da es auch für solche US-Anleger positive Perspektiven bedeutet, die sich um eine mögliche stärker linksgerichtete Politik der von der Demokratischen Partei gestellten Regierung sorgen. Vor diesem Hintergrund sind wir zu einem günstigen Szenario übergegangen: Nicht zu heiß, nicht zu kalt. 

In zwei Segmenten des Aktienmarkts könnte es allerdings zu greifbaren negativen Auswirkungen kommen. Da zur Bestätigung der vorgeschlagenen politischen Entscheider nur eine einfache Senatsmehrheit erforderlich ist und der Filibuster hier nicht gilt, wird es wahrscheinlich zu Nominierungen von Amtsträgern kommen, die zu einer strengeren Regulierung des Finanzsektors, des Bereichs „Big Data“ und Wirtschaftsbranchen mit stärkeren Umweltauswirkungen führen werden. Speziell im Fall der Finanzbranche könnte der negative Effekt einer verschärften Regulierung durch die Vorteile einer Konjunkturerholung kompensiert werden. Dies wird jedoch vom konkreten Ausmaß abhängen.

Der zweite Bereich, in dem es möglicherweise zu negativen Effekten kommt, ist der Gesundheitssektor. Angesichts der knappen Mehrheit der Demokratischen Partei im Kongress ist das Ergebnis der US-Wahlen nach wie vor allgemein positiv für das Gesundheitswesen, da radikale Reformen wahrscheinlich nicht auf die Agenda kommen. Jedoch werden sich in einzelnen Teilbereichen des Gesundheitssektors unterschiedliche Auswirkungen ergeben. 

Beispielsweise werden Hersteller von Life Science-Tools wahrscheinlich von erhöhten Investitionen zur Unterstützung der akademischen Forschungsbasis in den USA profitieren, speziell angesichts der anhaltenden Pandemie. Umgekehrt könnte es zu Rückschlägen bei der sich erholenden Stimmung gegenüber der Pharmaindustrie kommen, da am Markt mittlerweile zunehmend die Erwartung einer Reform der Arzneimittelpreise besteht. In der Realität dürfte eine solche Reform angesichts der knappen Senatsmehrheit der Regierung nach wie vor nur von begrenztem Ausmaß sein und auch erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

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Das Problem von Bewertungen ist, dass sie Durchschnittswerte darstellen

Zwar sind die durchschnittliche Bewertungen an den Börsen gestiegen, jedoch glauben wir nicht, dass wir uns bereits an einem Punkt befinden, wo sie das Kurspotential globaler Aktien beeinträchtigen. Nicht alle Marktsegmente sind hoch bewertet, und mit Sicherheit nicht alle Aktien. Die außergewöhnliche Polarisierung bei der Wertentwicklung von Aktien in den letzten drei Quartalen erlaubt es Anlegern nach wie vor, attraktive Titel zu relativ vernünftigen Bewertungen zu finden.

Die außergewöhnliche Polarisierung bei der Wertentwicklung von Aktien in den letzten drei Quartalen erlaubt es Anlegern nach wie vor, attraktive Titel zu relativ vernünftigen Bewertungen zu finden

Die Polarisierung bei der Entwicklung an den Aktienmärkten im letzten Jahr lässt mich an etwas denken, was möglicherweise zum bemerkenswertesten Erbe des Jahres 2020 gehört. Das letzte Jahr war ein Jahr der Extreme. Die fünf größten Aktien im S&P 500 Index erzielten eine Wertentwicklung von 64,5 %, während die übrigen 495 Titel im Schnitt um 9,7 % zulegten. Im letzten Jahr war beim S&P 500 Index auch die höchste Anzahl täglicher Wertveränderungen in Höhe von mehr als 1 % bzw. 2 % in den letzten zehn Jahren zu beobachten.

Der Schlagzeileneffekt

Die Polarisierung bei der Entwicklung an den Aktienmärkten im letzten Jahr lässt mich an etwas denken, was möglicherweise zum bemerkenswertesten Erbe des Jahres 2020 gehört. Das letzte Jahr war ein Jahr der Extreme. Die fünf größten Aktien im S&P 500 Index erzielten eine Wertentwicklung von 64,5 %, während die übrigen 495 Titel im Schnitt um 9,7 % zulegten.  Im letzten Jahr war beim S&P 500 Index auch die höchste Anzahl täglicher Wertveränderungen in Höhe von mehr als 1 % bzw. 2 % in den letzten zehn Jahren zu beobachten.

Aus meiner Sicht könnte dies mit einem anderen Rekord zu tun haben: dem Anteil von Privatanlegern im Aktienhandel. Laut Bloomberg Intelligence erreichte der Handel mit einzelnen Aktien im Juni 2020 ein 10-Jahreshoch. Dabei entfielen schätzungsweise 19,5 % aller US-Orders auf Privatanleger. In den Jahren 2010 bzw. 2019 lag der Anteil nur bei 10,1 % bzw. 14,9 %. Dieses Phänomen war nicht auf die USA beschränkt. Die Zahl privater Depots für den Aktienhandel ist weltweit gestiegen. 

Zwar gibt es aus meiner Sicht keinen eindeutigen Beweis dafür, dass eine zunehmende Beteiligung von Privatanlegern ein wesentlicher Faktor bei der Divergenz der Aktienmarktentwicklung im Jahr 2020 war. Dennoch war am Markt eindeutig ein gewisser „Schlagzeileneffekt“ zu beobachten. Aktien von Unternehmen mit stark geschätzten Marken oder einer positiv eingeschätzten Wachstumsstory erfreuten sich im Gegensatz zum übrigen Markt einer beispiellosen Nachfrage.

Dies lässt Chancen für Anleger offen, die bei der Analyse von Aktien gründlicher vorgehen wollen. Im Hinblick auf all die wohlbekannten neuen Energie- und Autounternehmen sowie die Giganten der digitalen Sphäre gibt es einer Reihe sogenannter Wegbereiter. Das sind Firmen, die Teil der Produkt- oder Service-Kette sind, die diese wohlbekannten Anbieter unterstützt. Daneben gibt es solche, die zwar von denselben Trends profitieren, deren Produkte aber nicht so schillernd sind und dennoch parallel dazu wachsende Nachfrage verzeichnen. Genau dort liegt das Wertpotential. Viele dieser Aktien werden nach wie vor zu vernünftigen Bewertungen gehandelt. 

Implikationen für unsere Portfolios

Unsere Developed Markets- und Emerging Markets-Teams sind gleichermaßen zu einer wieder stärker positiven Einschätzung der jeweiligen Aktienmärkte übergegangen. Der gemeinsame Nenner ist die Heraufstufung des Ertragsfaktors. So haben sich die Gewinnrevisionen in den entwickelten und aufstrebenden Ländern beträchtlich verbessert und sind mittlerweile in beiden Segmenten positiv. Wichtig ist, dass die Erholung der Unternehmensgewinne breit basiert zu sein scheint, da sich die Gewinnrevisionen in den meisten Sektoren verbessern.

Die Gewinnrevisionen haben sich in den entwickelten und aufstrebenden Ländern beträchtlich verbessert und sind mittlerweile in beiden Segmenten positiv

Während Impfungen und bessere Therapien dazu beitragen, die Auswirkungen der mit dem Coronavirus begründeten wirtschaftlichen Einschränkungen abzumildern und sich die Konjunktur weiter normalisiert, erwarten wir eine weitere Rotation aus Ländern und Aktien, die entweder vom Coronavirus weniger betroffen waren oder davon profitierten, hin zu Ländern und Aktien, die von einer Normalisierung der Wirtschaftsaktivität profitieren werden. In den USA wird eine solche Rotation auch durch zusätzliche Anreizmaßnahmen unterstützt. 

Keine Sorgen bereitet uns der jüngste Anstieg der langfristigen Zinsen in den USA, da dieser eine Reaktion auf die Erwartung zusätzlicher Konjunkturanreize darstellt. Wir erwarten nicht, dass die Inflation auf ein Niveau steigt, dass die Aktienmärkte im weiteren Verlauf des Jahres 2021 beeinträchtigen könnte. Wir weisen weiterhin darauf hin, dass die Aktienauswahl der entscheidende Faktor bleibt, da sich nicht alle Unternehmen von den Auswirkungen verlängerter Lockdowns erholen werden können.

Aus regionaler Sicht bevorzugen wir insgesamt die Schwellenländer. Diese stellen unsere größte übergewichtete Position in unseren globalen Portfolios dar, gefolgt von Europa. Einige interessante Anlagechancen sehen wir in Japan, speziell im Technologiesektor. Innerhalb der Emerging Markets ist Nordasien (China, Taiwan und Südkorea) nach wie vor unsere bevorzugte Region. 

In Nordasien beginnen sich erste Anzeichen für eine Abschwächung der Coronavirus-Pandemie und eine Konjunkturwende zu zeigen. Dies wird letztlich eine Verbreiterung unserer Positionierung in den Emerging Markets rechtfertigen. Vor diesem Hintergrund haben unsere Emerging Markets-Portfolios bereits ihre Position in Indien ausgebaut. Dabei handelt es sich hier doch um relativ kleine Umschichtungen. Es sind weitere Fortschritte notwendig, bevor wir unsere relative Position außerhalb von Nord Asien wesentlich verstärken.

Aus Sektorperspektive liegt unsere größte globale Übergewichtung auf dem Technologiebereich. Allerdings haben wir unsere Positionierung in den Technologiegiganten in den USA und Asien bereits verringert, da sich ihre relative Bewertungsbasis in den nächsten zwei Quartalen zunehmend verschlechtern dürfte und eine verschärfte Regulierung Zukunft an der Tagesordnung sein wird. 

Des Weiteren haben wir Gewinne im Sektor Kommunikationsdienste realisiert. Wir sehen mehr Chancen in den Bereichen Industrie, Zyklischer Konsum, Spezialgrundstoffe und Gesundheit. Außerdem haben wir unser Engagement in Finanztiteln aus den USA und den Emerging Markets selektiv ausgebaut. Innerhalb des Gesundheitssegments haben wir verstärkt in Anbieter von Life Science-Tools investiert.

Nicht zuletzt sind wir weiterhin positiv für das Thema Nachhaltigkeit gestimmt. Neben dem „Green Deal“ der Europäischen Union und der Absicht einer zunehmenden Zahl asiatischer Länder, bis 2050/60 CO2-neutral zu werden, sollte auch die Regierung unter US-Präsident Biden mit Rückendeckung des Kongresses für verstärkte Investitionen in diesem Bereich in den Vereinigten Staaten sorgen.

Die größten Risiken für unserem Ausblick könnten neue Virus-Ausbrüche oder langsamer als erwartet ausfallende Impfkampagnen sein. Beide Entwicklungen werden wir nach wie vor beobachten.

Vor allem aber sehen wir nach wie vor attraktiver Chancen in einem Markt, an dem das Geschehen im Jahr 2020 von einer starken Polarisierung geprägt war. Unklar ist noch, ob diese Entwicklung die Folge einer verstärkten Beteiligung von Privatanlegern war. Unterdessen gibt es reichlich Aufwärtspotential für aktive Investoren, die bereit sind, eine Perspektive jenseits der Schlagzeilen einzunehmen.

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